Die Trudi ist wieder da mit ihrem lieben, traurigen Gesicht, an ihrer Seite der Rudi, ihr Ehemann, Vater der drei Kinder, die längst erwachsen sind an Jahren und doch so unfähig zu leben: „Kinder sind so enttäuschend“, sagt der Rudi. Ja, das hat man schon mal gehört, wie Vater- und Muttersätze sowieso endlos nachhallen in den Gedanken der Kinder, auch wenn die Eltern längst tot sind, wie Trudi und Rudi. Zehn Jahre ist es her, seit dieses miteinander verwachsene und von Hannelore Elsner und Elmar Wepper so zärtlich gespielte bayerische Paar in Doris Dörries Film „Kirschblüten – Hanami“ durch eine Welt irrte, in der es sich nicht auskannte.

„Kirschblüten & Dämonen“ zeigt Perspektive vom Jungen Karl

Da waren die wichtigtuerischen, gestressten Kinder in Berlin, die ihre Eltern am Hauptbahnhof stehen ließen, da war der Banker-Sohn Karl, der in Tokio Karriere machte, seinen Vater aber an eine junge Japanerin delegierte, die sich um den verwirrten Mann kümmerte. Rudi war, einer letzten Sehnsucht der Trudi folgend, nach Japan aufgebrochen, um den Fuji zu sehen und zu sterben.

Damit hätte die Familiengeschichte der Angermeiers aus dem Allgäu eigentlich zu Ende erzählt sein können, aber die Kinder, in „Kirschblüten – Hanami“ doch eher Randfiguren, ließen Doris Dörrie nicht los. Was machen die mit ihren Leben? Warum kommen sie nicht heraus aus den Fängen ihrer Eltern, die nicht umarmen, sondern nur umklammern konnten?

Mit „Kirschblüten & Dämonen“ nimmt Doris Dörrie die Perspektive eines dieser Kinder ein: Karl (Golo Euler), der Jüngste und Fragilste der drei, ist es, der sich der langen Schleifspur einer deutschen Familiengeschichte stellen muss. Die Eltern und Großeltern irrlichtern durch seine Alpträume, Dämonen, die ihn fast töten, denn anders als die Japanerin Yu (Aya Irizuki), die plötzlich in sein Säuferelend tänzelt, kann er mit diesen Dämonen nicht einfach Tee trinken, um sie zu besänftigen.

Doris Dörrie schwankt zwischen Surrealem und Realismus

Doris Dörrie glaubt nicht an Geister, anders als Japaner, wie es die Regisseurin nach eigenem Bekunden wahrgenommen hat im Laufe ihrer Jahrzehnte dauernden Verbindung zu dem Land. Ob dies eine stereotype westliche Vorstellung oder eine Frage der Terminologie ist, muss dieser Film nicht klären. Er spielt damit. 

Auf Ebenen, die sich nicht immer leicht entziffern lassen. Kein Dörrie-Film vagabundierte bisher so sehr zwischen Surrealem und Realismus, schnitt die Zeitebenen ineinander, stülpte das innere Chaos der Hauptfigur in fragmentierten Bildern nach außen. Immer wieder tritt ein Dämon tatsächlich als verhuschter Schatten in Erscheinung, wie ein Negativabzug des Kobolds Pumuckl, aber auch der sehr reale SS-Großvater gleicht einer Figur aus dem Marionetten-Theater. Der Enkel männerbündelt nun in einer rechten Partei, der Urenkel protestiert mit Einschluss in seinem Zimmer und eintätowiertem Hakenkreuz auf der Stirn. Verdrängtes kommt grell ans Licht.

Dörrie-Figuren sitzt die Angst im Körper

Die Untoten, weil Beschwiegenen der Angermeiers finden ihre Entsprechung in den Untoten der Familie von Yu – einst Verbündete der Nazis. Sicherlich eine gewagte Parallelführung – aber eine, die sich von jeder folkloristischen Idealisierung Japans abgrenzt. Wenn Doris Dörrie Deutsche nach Japan schickt, lässt sie ihnen den nicht verstehenden Blick, die Konfusion. Sie macht sie zu Lernenden, gleich welchen Alters, und das scheint das einzige Gegenmittel zu dem, was alle diese Figuren quält: Angst ist der Klotz, der so vielen Dörrie-Figuren im Körper sitzt.

Man sieht es an ihrem Gang, ihren steifen Körpern, ihren aufgekratzten Begehr-mich-bitte-Mienen. Die Männer haben Angst, nicht männlich genug zu sein, die Frauen zweifeln an ihrer Schönheit. Die Welt setzt ihnen zu, weil sie sich darin immer nur um sich selbst drehen, auf Erlösung hoffend, die einfach nicht eintritt. Egal wie weit sie sich aus ihren materiell kommoden Verhältnissen entfernten.

Auch Karl war einmal einer dieser gut maskierten Erfolgsmänner von deutlich westdeutschem Habitus. Aber irgendwann implodierte sein Leben, die Frau verließ ihn, die Tochter durfte er, inzwischen Alkoholiker, nur noch unter Aufsicht sehen, mit den Geschwistern lag er im Streit, weil er den Verkauf des Elternhauses blockierte. Doris Dörrie schickt ihn zurück zum Ursprung seiner Verirrung – ins leer stehende geduckte Bauernhaus in sanfter Hügellandschaft. Dort, zwischen den Porzellantellern mit Tiermotiven, die jedem Familienmitglied unmissverständlich klarmachen, wo sein Platz ist in der Familienhierarchie, dem Kruzifix und den abgezogenen Elternbetten, nimmt Karls Wandlung ihren Anfang. Sie endet – vorläufig – in Japan, wo sonst.

Kirschblüten & Dämonen, Deutschland 2019. Buch und Regie: Doris Dörrie, Darsteller: Golo Euler, Aya Irizuki, Birgit Minichmayr, Elmar Wepper, Hannelore Elsner u.a., Spielfilm 110 Minuten, FSK: ab 12 Jahre

Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.