Vier Jahre ist es her, dass der schwindelerregend schillernde Roman „Der Susan-Effekt“ erschien. Und nun der neue Roman. Ein Buch von Peter Høeg, das verspricht gedankliche Aufregung. Reisen in Zwischenwelten, in die diffuse Sphäre zwischen Wirklichkeit und auch möglicher Realitäten. Høeg, das war bisher immer eine Reise ins Magische.

Und Idee und Setting von „Durch deine Augen“ deuten einen neuerlichen Aufbruch an: Da sind Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten, wie wir sie zuhauf aus seinem Werk kennen. Da ist der Kampf gegen das Böse mithilfe der Liebe. Und es sind – anfangs – wieder Kinder, die das schaffen, oder besondere kindliche Gemüter. Was jedoch sehr schnell offensichtlich wird, und bei aller Bereitschaft, dem dänischen Bestseller-Autor in seine Welt zu folgen, auch sehr schnell anstrengt: In seinem neuen Werk sind alle besonders, nicht nur die drei vom „Club der schlaflosen Kinder“: Peter (der Erzähler), Simon und Lisa, die es schon als Sechsjährige vermochten, das Schicksal anderer Kinder und auch (durchweg sehr besonderer) Erwachsener zum Guten zu wenden.

Klebrig süß bis horrend schlicht

Lisa ist mittlerweile Wissenschaftlerin und verfügt über die Technologie, mit der sie in das Bewusstsein kranker Seelen eindringen kann, um dort, lapidar ausgedrückt, ein wenig für Ordnung sorgen. Das Lapidare sei hier erlaubt, denn die psychologischen Schlussfolgerungen und moralischen Lehrsätze, mit denen man im Laufe der sich zäh dahinziehenden Sitzungen förmlich vollgestopft wird, sind genau das: lapidar. Klebrig süß bis hin zu horrend schlicht.

Bliebe es dabei, man könnte das Buch irritiert und genervt beiseitelegen. Doch wird ja nicht nur Simon der Behandlung unterzogen, sondern auch all die anderen Patienten des Instituts, an deren Sitzungen Peter teilnehmen darf. Sie bringen alles mit, was das 20. Jahrhundert an Abgrund zu bieten hat: Da werden Eltern von der SS verschleppt, und Peter sieht sich unter einem Berg von Schuhen begraben. Da werden Soldaten durchleuchtet, die in Somalia und Afghanistan Zeugen und Handlanger des Grauens wurden. 

Reumütige Vergewaltiger

Doch niemand ist nur Täter, sondern alle sind immer auch Opfer, lernen wir. Opas vergewaltigen, sehen es dann aber ein und sind traurig. Eltern drehen Pornofilme mit ihrem Nachwuchs, und Peter erkennt den potenziellen Vergewaltiger in sich und jedem Mann. Und natürlich dürfen Kirchen als Brutstätte des Missbrauchs nicht fehlen.

Die Figuren sitzen auf Lisas Stühlen, sehen dem Horror ins Gesicht, Lisa bleibt an ihrer Seite, es geht ihnen besser, und dann treten sie wieder ab. Durch die Aneinanderreihung der Traumata, die eigentlich nur dazu dient, dass Peter und Lisa ihrer eigenen Psyche und (natürlich) ihrer Beziehung zueinander auf die Spur kommen, werden diese zu Anekdoten. Zugleich wächst wegen der Häufung und grellen Ausleuchtung des Leidens das Gefühl, dass sich das Buch an den Besuchen in „Dunkeldänemark“ berauscht. 

Flaum auf Kinderlenden

So nennt der Erzähler die Summe der Perversionen, derer er und wir Zeuge werden. Und wenn dann auch noch die Kinder erotische Tänze aufführen und den „hellen Flaum auf den Lenden“ des anderen bestaunen, wird einem sehr unbehaglich in dieser neuen Høegschen Zwischenwelt.

Ein schwacher Trost: Man vergisst für eine Weile, dass „Durch deine Augen“ auch stilistisch eine Zumutung ist; dass diese in ihrer sprachlichen Dürre und dem Pathos abgegriffener Bilder vom selben Autor geschrieben wurde wie das wirklich besondere „Stille Mädchen“, wie der komplizierte „Plan von der Abschaffung des Dunkels“, wie die unvergessliche „Fräulein Smilla“, mag man kaum glauben.

Abgedroschene Metaphern

„,Nimm mich in den Arm‘, sagte sie. Ich umarmte sie. Wir sahen ins Offene.“ Das ist so ein typischer Dreisatz, wie sie ganze Seiten füllen. „Innerlich ist sie ein kleines Kind“, und „Missbrauch ist eine besondere Welt“: So lauten die diagnostischen Geistesblitze. Es werden sehr viele Tunnel durchschritten, Brandmauern durchbrochen, und wenn dem Leser klargemacht werden soll, wie besonders wieder mal ein Moment ist, klingt das so: „Sie leuchtete. Wir fühlten, wie sie in dem grauen Wetter leuchtete. Der Wind spielte mit ihrem Haar.“

Passend dazu sinniert der Erzähler an unzähligen Stellen über die Grenzen der Sprache, des Ausdrucks. Etwa so: „,Du hast gesagt, ich würde darüber schreiben‘, sagte ich. ,Das habe ich nie gesagt. Das ist unmöglich. Keiner hat Lust, diese Geschichte zu hören‘“, schreibt der Erzähler an einer der unzähligen Stellen, an denen er über die Grenzen der Sprache sinniert. Da kann man ihm nur zustimmen. Warum hat er es trotzdem getan?