Sasa Stanisic ("Herkunft"), aus Bosnien stammender Autor, steht vor Beginn einer Lesung im Foyer des Frankfurter Schauspielhauses. Stanisic erhält den Deutschen Buchpreis 2019.
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Frankfurt/a.M.Saša Stanišics Roman „Herkunft“ erhält den Deutschen Buchpreis 2019. Die Jury kann man nur beglückwünschen zu dieser Wahl, denn es handelt sich um ein Buch über unsere Gegenwart mit ihren Kämpfen, ein Buch auch, das zeigt, was Sprache kann und erzählt, wie schwer Sprachlosigkeit wiegt.

Der Autor, 1978 in Višegrad geboren, und heute in Hamburg lebend, erzählt von sich und seiner Familie, von der Flucht nach Deutschland, vom Heimatfinden und Heimaterinnern. In der Begründung heißt es zum Beispiel: „Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen. ‚Herkunft‘ zeichnet das Bild einer Gegenwart, die sich immer wieder neu erzählt. Ein ‚Selbstporträt mit Ahnen‘ wird so zum Roman eines Europas der Lebenswege."

Ein Statement gegen Peter Handke

Die Dankesrede aber benutzt Saša Stanišic am Montagabend kaum, um der Jury zu erklären, wie er sich über die Ehrung freut, kaum, um seinen Verlag – Luchterhand – zu loben, in dem er sich gut aufgehoben fühlt. „Ich bitte um Nachsicht, wenn ich die kurze Öffentlichkeit des Preises nutze“, sagte er, „um mich kurz zu echauffieren.“

Ein anderer Preis, in der vergangenen Woche verliehen und mit viel mehr Aufmerksamkeit verbunden, bringt ihn dazu: der Literaturnobelpreis für Peter Handke. „Ich tue es auch deswegen, weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, das Peter Handke in seinem Texten nicht beschreibt.“

Die Betonung legt er auf das Wörtchen „nicht". Was Handke nicht beschreibt in seinem 1996 veröffentlichten Text„Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ und worauf der Redner hinweist, ist die Gewalt, ist das Morden. Višegrad, wo Saša Stanišic geboren wurde, ist in den Jahren 1992 bis 1995 praktisch „ethnisch gesäubert“ worden, aus der Luft beschossen und durchzogen von serbischen Einheiten.

Handke beschreibt Milizionäre, die barfuß gingen und keine Verbrechen haben begehen können, sagt Stanišic, und verweist darauf, dass er nun vor dem Publikum nur stehen könne, weil er „entkommen"sei. „Handke erwähnt die Opfer nicht. Die Verbrechen aber sind geschehen.“

Ein Lob für Olga Tokarczuk

Peter Handke habe sich Wirklichkeit so zurechtgelegt, dass sie nur noch aus Lüge bestehe. „Das soll Literatur eigentlich nicht.“ Und während die Katholische Kirche Handke schon gratuliert habe, „zu einer Ehrung jenseits der politischen Korrektheit“, möchte er die Gelegenheit nutzen, der anderen Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk zu gratulieren.

„Ich feiere eine Literatur, die alles kann“, sagt er, „die nicht zynisch ist und nicht verlogen, und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will. Ich feiere gern auch eine Literatur, die die Zeit beschreibt. Die Zeit ist so, wie sie Handke im Falle von Bosnien beschreibt, nie gewesen.“

Die Worte der Jury

Sasa Stanisic erhält den Deutschen Buchpreis 2019. Das gab die Jury am 14. Oktober in Frankfurt am Main bekannt. Sein Roman "Herkunft" gilt damit als das beste Buch des Jahres.
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In der Jurybegründung heißt es auch: „Der Autor adelt die Leser mit seiner großen Phantasie und entlässt sie aus den Konventionen der Chronologie, des Realismus und der formalen Eindeutigkeit." Der Deutsche Buchpreis will, wie Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vor 300 Gästen im Saal und über Livestream sagt, „die Aufmerksamkeit auf die deutschsprachige Romanliteratur in ihrer Qualität und Vielfalt lenken“. Es ist eine Auszeichnung, die Bücher ins Scheinwerferlicht stellt.

„Herkunft“ von Saša Stanišic hat bereits viel Aufmerksamkeit erfahren, weil es auf besondere Weise in die Gegenwart wirkt. Es gibt keinen Grund, warum diese Aufmerksamkeit abebben sollte. Dieses Buch gehört gelesen. Diesem Autor sollte man zuhören.