Dirigenten sind zu Stiefkindern des Betriebs geworden. Einem Andris Nelsons, so gut er ist, lässt sich kein prägnantes Image anheften, auch bei Kirill Petrenko ist das nicht leicht. Populär wird man in dem Job höchstens noch mit einer Geschichte, etwa der von Gustavo Dudamel und seiner Herkunft aus dem venezolanischen Sistema. Eine andere Geschichte hören wir jetzt aus der russischen Industriestadt Perm am Ural. Dorthin hat sich ein Dirigent namens Teodor Currentzis mit seinem Barockorchester MusicAeterna zurückgezogen, weil man ihm an der dortigen Oper ideale Arbeitsbedingungen anbot. Currentzis, 1972 in Athen geboren und in St. Petersburg ausgebildet, wird als radikalster Dirigent seiner Generation gehandelt, die gerade erschienene CD von Mozarts „Hochzeit des Figaro“ wird vom Label als „kompromissloseste Aufnahme“ der Oper bezeichnet. Dass man einem Dirigenten heute noch die Studioaufnahme aller drei Da Ponte-Opern Mozarts finanziert (und das jeweils rund zehn Tage lang in Perm), zeigt, dass man sich von Currentzis etwas verspricht.

Die Aufnahme ist hervorragend. Dabei beeindrucken weniger die einzelnen interpretatorischen Entscheidungen als die spürbare Sorgfalt, mit der diese sattsam bekannte Partitur neu durchleuchtet und aufgebaut wird. Currentzis geht stärker als der immer dramatisch denkende René Jacobs von der Musik aus, schärft die komponierten Kontraste, entdeckt farbliche und rhythmische Eigenwerte, die Jacobs als solche weniger interessieren.

Bravo-Rufe in der Pause

In Berlin hat sich Currentzis im letzten Jahr beim Musikfest mit einer überaus intensiven Interpretation von Schostakowitschs 14. Sinfonie und Brittens „Phaedra“-Kantate empfohlen. Es war eine Intensität nicht nur der musikalischen Extreme, sondern auch eine des Kontrasts, der Gesten und Töne aus der Musik holte, die sonst verloren gehen. Am Sonntag trat er auf Einladung der Philharmoniker mit MusicAeterna und dem dazugehörigen Kammerchor in der Philharmonie auf. Er ist ein langer, dünner Mann mit Haarknoten und ungeduldig wedelnden Bewegungen, die weniger präzis als heftig wirken. Man beobachtet gerührt, dass viele Sänger im Chor das Wiegen seines Oberkörpers mitmachen, ein eindrucksvolles Zeichen dafür, was für Impulse von diesem Mann ausgehen. Das Publikum wird schon zur Pause, nach Händels „Dixit Dominus“ in Bravo-Rufe ausbrechen.

„Der Herr wird zerschmettern die Könige am Tag seines Zorns“ – das kracht nicht nur in der begleitenden, großen Streicherbesetzung, sondern auch im Chor, der trotz relativ breiter Tongebung ungeheuer beweglich singt und das schöne Wort „conquassabit“ knacken und zischen lässt. Im ruhigen Satz vor der abschließenden Fuge breitet sich der Klang dagegen weich aus, bis zur Verschleifung jeglicher Artikulation.

Aber Extreme sind nicht alles. Großartig ist diese Aufführung durch die Fantasie und Präzision, mit der Currentzis fast jeder Phrase einen anderen Ausdruck gibt, wie die barocke Einheit des Affekts hier in zahllose Nuancen aufgesplittert wird. Die genialische Heftigkeit ruht durchaus auf einem Fundament besonnener Analyse.

Mit Trunkenheit geschmetterte Seemanschöre

Das wird noch deutlicher in Purcells „Dido and Aeneas“, einem Stück, das Currentzis mit seinen Ensembles auch schon aufgenommen hat. Wie in der Ouvertüre die Streicherlinien widerstrebend zueinander finden und sich dann ebenso widerwillig wieder entwirren und trennen, zeichnet ein Bild vom Dickicht des Herzens, das man so noch nie gehört hat. Prächtige Klangkulissen werden hier errichtet, stampfende Tänze, die in geradezu irisches Fiedeln münden, Echochöre, die wirklich aus einer anderen Richtung zu schallen scheinen, mit Trunkenheit werden Seemannschöre geschmettert. Doch alles kann vor einer verinnerlichten Silbe zerfallen – etwa wenn Tobias Berndt als Aeneas nach der Begegnung mit dem Geist sich ausmalt, wie sein Abschied auf Dido wirken muss: Da bebt der riesige Saal vor einer zarten Wendung ins Moll. Anna Prohaska führt die Dido mit melancholischer Zwangsläufigkeit in ihr Schlusslamento, dessen beide Spitzentöne selten so verloren klangen wie hier. Nuria Rial war daneben eine Belinda der Luxusklasse, besorgte, aufmunternde Gefährtin ihrer Königin. Den Schlusschor nahm Currentzis am Rand des Verstummens – die Konsequenz, mit der das aus der Verlangsamung des Geschehens hervorging sowie die Virtuosität von Chor und Ensemble bewahrten den Schluss vor dem Kitsch der expressiven Übertreibung.