Lyriker Paul Celan (1920-1970)
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Frankfurt am MainKlaus Reichert, geboren 1938 in Fulda, war von 1964 bis 1968 Lektor im Suhrkamp-Verlag, bis zu seiner Emeritierung 2003 Professor für Anglistik an der Frankfurter Universität. Er übersetzte u.a. Lewis Carroll, Das Hohelied Salomos, James Joyce und William Shakespeare. Reichert war auch der letzte deutsche Lektor von Paul Celan (1920–1970).

Ich habe habe Reicherts Erinnerungen an diese Zeit sehr gern gelesen, denn es ist viel vom Schweigen die Rede und von der Angst, die man hatte vor der Fremdheit von Celans Dichtung und seiner Empfindlichkeit. Auch davor, mit einem falschen Wort, mit einem ungesagten Wort, von ihm zu seinen Gegnern gezählt zu werden, eine Lage, aus der kaum jemand jemals wieder hinaus kam.

Celan war bereit, über die schlimmsten Gräben zu springen. Also zum Beispiel auch, mit Martin Heidegger zu reden, als hätte der niemals in den Juden die Hauptfeinde der deutschen Kultur gesehen und in den Nazis deren Verteidiger. Celan fuhr zu Heidegger, sah in ihm gar einen Verbündeten, wenn es um die Frage nach der Bedeutung der Dichtung ging. Allerdings ließ er sich von Reichert nicht ausfragen über seine Gespräche mit dem Philosophen und selbst, was er ihm sagte, war wohl nicht immer die ganze Wahrheit. Jedenfalls bekam Reichert von Augen- und Ohrenzeugen manchmal Berichte, die von ganz anderen Begegnungen zu erzählen schienen.

Man weiß, dass Celan immer wieder in psychiatrischer Behandlung war, man weiß, dass er sich, noch keine fünfzig Jahre alt, das Leben nahm. Man glaubt, das zu verstehen, weil man seine Fragilität zurückführt darauf, dass er, der Jude Paul Antschel aus Czernowitz, nur mit viel Glück nicht das Schicksal seiner ermordeten Verwandten teilte. Wer Celans Gedichte liest, weiß, wie stark er litt unter der „Überlebensschuld“, dem Gefühl also, sich durchs Überleben mitschuldig gemacht zu haben am Tod seiner Eltern und der Millionen anderen, die von den Deutschen ermordet worden waren. Seine Mutter war von einem SS-Mann erschlagen worden. Aber man macht sich nicht klar, was diese Gefühle mit ihm machten.

Auf welche absurden Wege sie ihn führten, dafür öffnet einem Reicherts Bericht die Augen. „So sagte Celan einmal: ,Jetzt hat Bense ein langes Gedicht mit dem Titel ‚Entwurf einer Rheinlandschaft‘ herausgebracht, um mich zu reizen. Von mir gibt es ein Gedicht mit dem Titel ‚Entwurf einer Landschaft‘. Ich (fährt Klaus Reichert fort) sagte unvorsichtig-spontan: ‚Wenn Bense sich beim Titel auf jemanden bezieht, dann auf Carl Einstein. Von ihm gibt es ein Gedicht mit dem Titel ‚Entwurf einer Landschaft‘. Celan schwieg, und es traf mich wieder dieser besondere argwöhnische Seitenblick.“ Das ist kein beckmesserisches Philologengegacker. Hier sprechen der sich verfolgt fühlende Celan und Klaus Reichert, der ihn beruhigen möchte, ihn aber gerade dadurch zusätzlich verunsichert und in Rage bringt. Reichert lässt den Leser teilhaben an seinen eigenen Fehlern. Damit hilft er uns, klüger zu werden.

Es gibt hinreißende Szenen in diesem Buch. Im September 1965 ruft Celan Reichert an. Er will vom Fischer-Verlag zu Suhrkamp wechseln, möchte aber sicherstellen, dass Reichert sein Lektor wird. Es wird viel getrunken an diesem Abend. Zwei Flaschen Whisky zu zweit. Auf dem Weg von Reicherts Wohnung zu Celans Hotel singt Celan lange nach Mitternacht laut und übermütig in den Straßen Frankfurts, auf dem Weg durch die Anlagen und über den Main, „deutsche, russische, jiddische Revolutionslieder, die Internationale mit sämtlichen Strophen, das Partisanenlied der Roten Armee, die Warschowjanka“.  Dazwischen ruft Celan: „Max Hölz! Max Hölz!“ So erinnert er die schlafenden Frankfurter an den Anarchokommunisten, der 1920/ 1921 versucht hatte, im Mansfelder Land eine bewaffnete Revolution zu starten. Mit einem Male zuckt Celan zusammen und ist nüchtern. Er starrt auf ein FDP-Plakat in den Farben Blau-Gelb-Weiß: „Das sind die Farben der ukrainischen Faschisten.“ Celan hatte recht: Sicher ist man nirgends und niemals.

Ein altmodischer Leser wird vielleicht nachvollziehen können, welchen Empfindungswirbel dieser Satz in mir auslöst: „Der Suhrkamp-Lektor Walter Boehlich, der sich zu Gesprächen mit Beckett, Natalie Sarraute, Marguerite Duras und Joseph Breitbach in Paris aufhielt, konnte die Stadt nicht verlassen, weil es kein Benzin mehr gab.“ Das war der Mai 1968. Ich kann mich gut daran erinnern. Ich war 21 Jahre alt und studierte und demonstrierte in Frankfurt am Main. Den Benzinmangel habe ich vergessen. Er war vielleicht auch nicht der entscheidende Grund für das Scheitern des Pariser Mai und seiner Parole „Die Fantasie an die Macht!“.

Klaus Reichert: Paul Celan – Erinnerungen und Briefe. Suhrkamp, Berlin 2020, 297 S., zahlreiche Abbildungen, 28 Euro