Als 2003 „Die Seele der Männer“ erschien, glaubte man, das letzte Buch von Klaus Schlesinger lesen zu können – lesen zu müssen. Am 11. Mai 2001 war der Schriftsteller im Alter von 64 Jahren an Leukämie gestorben, er hatte den Roman nicht fertigstellen können.

Wunder werden gemacht

Es wirkt wie ein Wunder, dass jetzt, 16 Jahre später, noch einmal ein Buch erstmals veröffentlicht wird, auf dem der Name Klaus Schlesinger steht. „Der Verdacht. Eine Kleist-Novelle“ heißt es, umfasst ohne Nachwort 70 Seiten. Eine Novelle hält sich nicht mit Herumgerede auf. Wunder werden gemacht. Dieses haben bewirkt: die Literaturwissenschaftlerin Astrid Köhler, die Witwe des Autors Daisy Böhme-Schlesinger, das in Frankfurt (Oder) ansässige Kleist-Museum und der Berliner Quintus-Verlag. Beigegeben sind dem Text zehn Radierungen des Hallenser Künstlers Moritz Götze in Chodowiecki-Manier.

Anders als der „Männer“-Roman wirkt die Novelle fertig, ihr Aufbau ist schlüssig, Schauplätze und Figurenzeichnung sind klar. Allein der Autor wollte den Text so nicht aus der Hand geben. Für ihn war sie ein Fragment. Und das über Jahrzehnte, wie Köhler im Nachwort erzählt. Sie verweist darauf, dass Schlesinger „dafür eine ganz neue Sprache entwickeln musste“.

Der Berlin-Schriftsteller schlechthin

In der Tat liest sich dieses Buch anders als die  Erzählungen, ein bisschen steif, nicht so lebensecht wie  die Romane  „Die Sache mit Randow“ und „Trug“. Denn recht eigentlich war Klaus Schlesinger der Berlin-Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, er verwandelte  Menschen und Orte aus seiner Erfahrung in Literatur. Dennoch ist es großartig, jetzt auch dieses Stück von ihm lesen zu dürfen.

Von der Mitte der 70er-Jahre bis ins Jahr 2000  reichen die Notizen des Autors zum Stoff. Als er sich Heinrich von Kleist zuzuwenden begann, war er nicht der einzige in der DDR arbeitende Schriftsteller, der Spiegelungen der Wirklichkeit in der Romantik suchte. Damals beschäftigte sich Christa Wolf mit Karoline von Günderode und auch mit Kleist, Sigrid Damm erforschte Jakob Michael Reinhold Lenz, Franz Fühmann ergründete das Schauerliche bei E.T.A. Hoffmann, Günter de Bruyn schrieb über Jean Paul.

Außenseiter Kleist

Was Schlesinger an Kleist interessierte, war neben der literarischen Kraft  seine Außenseiterposition in vielerlei Hinsicht. „Er habe sich nicht einpassen wollen“, heißt es in der Novelle. Schlesinger selbst stieß in der DDR an die Grenzen des Erlaubten, seine Sympathie für Teile des sozialistischen Gesellschaftsmodells stand im krassen Widerspruch zu realen Erfahrungen. Und es ging weiter: „Von der Schwierigkeit, Westler zu werden“ heißt ein 1998 erschienenes autobiografisches Buch. Zunächst wollte er einen Film über Kleist machen, das Szenarium war von der Defa angenommen, gedreht wurde nie.

Vielleicht sah er es als Zweitverwertung seiner  Recherchen, als er ein Hörspiel erarbeitete, das der Sender Freies Berlin 1986 uraufführte: „Felgentreu“, ausgehend vom Doppelselbstmord von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel 1811 am Kleinen Wannsee. 13 Sprecherrollen hat das Stück, eine gehört dem Untersuchungsrichter Felgentreu, der damals den Tod der beiden ohne Fremdeinwirkung bestätigen sollte. Schlesinger dichtet ihm Zweifel an, die nicht überliefert sind.

Vor dem Sommergewitter

Die Novelle „Der Verdacht“, im Nachlass in verschiedenen Stufen vorhanden, beginnt mit Kleists und Vogels Vorbereitungen auf den Tod.  Während die beiden ihre Abschiedsbriefe schreiben, verschwimmen bei Schlesinger die Zeiten und Orte: „Durch das Zimmer läuft er und läuft. Aber er läuft schon nicht mehr durch das Zimmer. Er läuft schon durch eine Ebene, die steinig ist und von einem fahlweißen Licht bedeckt, wie man es aus den Minuten vor einem Sommergewitter kennt. Steine, Steine, Mauern aus Steinen, Gesichter aus Steinen. Ruinen.“ Man sieht ihn gegen die Vergeblichkeit anlaufen. Nach dem Tod ist es Sache des Untersuchungsrichters Felgentreu, in den Zeitschichten zu graben, um seinem Verdacht nachzugehen.  Als er sich in seinen Recherchen behindert sieht, trifft er eine unerhörte Entscheidung. Mehr soll nicht verraten werden.

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Klaus Schlesinger: Der Verdacht. Eine Kleist-Novelle. Quintus, Berlin 2019. 96 S., 18 Euro