Ein früher Nachmittag Ende April, das Einstein Unter den Linden ist proppenvoll, ein Mann, blauer Anzug, weißes Hemd, bahnt sich seinen Weg durch das Café. Die Haare mögen etwas grauer sein, aber den großen Auftritt, den verlernt man nie, auch nicht als Polit-Rentner. Hallo, Herr Wowereit, ruft der Kellner. Gäste links und rechts recken ihre Hälse. Händeschütteln, Hallöchen, ein für die Jahreszeit bereits gut gebräuntes, entspanntes Gesicht, ein halb spöttisches, belustigtes Lächeln, das einem sehr vertraut vorkommt. Das Wowi-Lächeln.

Dem Fotografen fällt sofort auf, dass an Wowereits Wange ein bisschen Lippenstift klebt. „Huch“, sagt Wowereit und wischt in seinem Gesicht herum. Er kommt von einem Empfang und zwar von einem von der Sorte, wo Küsschen links und Küsschen rechts verteilt werden. Klaus Wowereit, von 2001 bis Dezember 2014 Regierender Bürgermeister von Berlin, war dreieinhalb Jahre weg. Jetzt ist er wieder da.

Im Café geht es zu wie auf dem Rummelplatz, man muss brüllen, um sich zu verständigen, die Reporterin bereut sofort die Ortswahl. Wowereit schlägt vor, das Interview nebenan in der ruhigen Galerie zu führen. Sehr nett von ihm. Er nimmt auf einem der cremefarbenen Ledersofa Platz.

Er hat ein Buch geschrieben. „Sexy, aber nicht mehr so arm: Mein Berlin“ heißt es, in Anlehnung an seinen berühmtesten Spruch. Es kommt am 4. Mai in die Geschäfte.

Die Hut-Frage

Was hätte Wowereit alles erzählen können! Klatsch aus dem Politik-Betrieb. Wer mit wem. Heiteres aus seinem unkonventionellen Leben. Geheimes zum BER. Kritisches zur Sparpolitik. Interna aus der SPD. Aber nö.

Sein Buch, das er mit Hilfe eines zweiköpfigen Redaktionsteams geschrieben hat, beginnt mit einer Bildstrecke. Wowi mit Kofi Annan, Wowi mit Bill Clinton, Wowi mit Königin Elizabeth II. Ach ja. Es sei ein bisschen gewöhnungsbedürftig, schreibt er, nicht mehr zu so vielen Events eingeladen zu werden. Dafür bleibe ihm jetzt Zeit für das „wahre Leben“. Auf dem letzten Bild sieht man Wowi mit seinem Partner Jörn Kubicki. Beide tragen Hüte. „Derzeit bewegt uns unter anderem die Frage, ob uns Hüte wirklich stehen.“ Das wahre Leben?

Doch jetzt noch einen kleinen Zug Ruhm, Rampenlicht. Wowereit braucht das, und es scheint so, als ob die Welt auch Wowereit braucht. Es gibt großes Interesse, die Buchpremiere findet bei Dussmann statt, Bunte, Gala, NDR Talkshow, alle haben Interviews angefragt. Es ist fast ein bisschen wie früher. Also, jetzt mal los, Band ab.

Haben Sie sich ein bisschen gelangweilt, Herr Wowereit, so als Rentner? „Nein, denn ich wollte ja kürzertreten, das Erste, was ich gelernt habe, war, Nein zu sagen zu Posten.“ Er hat ein Amt beim Verein Berliner Kaufleute und Industrielle, engagiert sich bei der Aidshilfe. Mit seinem Buch will er einen Denkanstoß geben, sich in die Diskussion über die Stadt einmischen. Dabei scheut er sich nicht vor großen Bögen, vielen Daten und Fakten. „Ich fand es interessant, die Berliner wirtschaftliche Entwicklung auch mal von den Anfängen her zu beleuchten.“

Schlagworte fallen – Problemkieze, BER, Gentrizifizierung, E-Mobilität, Smart City, E-Governance. Persönlich wird er selten. Und wenn, dann klingt es so wie hier, wo er sich gegen die Bezeichnung „Partymeister“ wehrt. Er sei das absolute Gegenteil eines schrägen Vogels. „Schon vom äußeren Auftritt her bin ich, glaube ich, ein ganz normaler, eher bürgerlicher Typ.“

Michael Müller – alter Kumpel und Nachfolger

In einem der interessanteren Abschnitte geht es um die Kriminalität in der Stadt. Der ehemalige Bürgermeister kritisiert, dass die Polizei an gefährlichen Orten wie dem Görli, dem Alexanderplatz und dem Kottbusser Tor nicht stärker gegen Drogenhandel vorgegangen ist. „In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht Unverständnis darüber, dass der Staat offenbar nicht in der Lage ist, diese Probleme konsequenter zu lösen.“ Er fordert sogar die legale Abgabe von Drogen.

Soll das eine Bewerbung als Innensenator sein? Wowereit grinst. Nein, nein, er bewerbe sich um nichts, stellt er gleich klar. Andreas Geisel, also der Innensenator, mache einen guten Job. „Aber man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Stadt sehr viel voller geworden ist, und man muss sehen, dass man Antworten darauf findet. Der Bürger darf nicht den Eindruck haben, dass der Staat, die Stadt Berlin ohnmächtig sind und offenbar resigniert haben. Dieses Gefühl der Resignation erzeugt Politikverdrossenheit oder befördert sie zumindest.“

Es fällt einem sofort Michael Müller ein, Wowereits alter Kumpel und Nachfolger. Müller redet ja gern davon, dass Kriminalität halt zur Großstadt gehöre, so wie schlechte Luft. Direkt geht er nicht auf Müller ein, so einfach lässt sich Wowereit, der Vollprofi, nichts entlocken. Nur so viel: „Man kann nicht hinter jeden Bürger einen Polizisten stellen, aber es gibt Herausforderungen, und die muss man dann auch anpacken.“ Der Blick schweift ab, ein Hauch von Langeweile in der Stimme. Da muss er durch. Finden Sie, dass Michael Müller einen guten Job macht? „Er macht einen guten Job in einer schwierigen Konstellation. Und die Zeiten werden für Politiker nicht einfacher.“

Holt er sich Tipps von Ihnen? „Er braucht keine Tipps. Er hat genug gute Leute, die ihn beraten.“ Es kann täuschen, aber nach enger Freundschaft klingt das nicht (mehr).

Der BER ist kein Berliner Hobby

Der Moment, den Wowereit als die „dunkelste Stunde seiner Amtszeit“, „den schlimmsten Moment meines Berufslebens“ beschreibt, ist fast auf den Tag sechs Jahre her. Am 24. Mai 2012 sollte der Flughafen eröffnet werden. Die Einladungen waren schon gedruckt. In einer Art „kollektivem Wahnsinn“ hätten alle Beteiligten daran geglaubt, dass der Termin zu halten sei, schreibt Wowereit. Zwei Wochen vorher kam die Absage. „Das schmerzt bis heute noch“, sagt er.

Sind Sie da nicht ein bisschen wehleidig? „So sollte es nicht klingen“, sagt er. Er kommt jetzt in Fahrt. Beim BER hört der Spaß für ihn auf, er fühlt sich ungerecht behandelt. „Wenn sich ein Herr Scheuer zum Flughafen begibt und dort dann so tut, als sei alles ganz furchtbar, dann kann ich nur sagen: Der Bund ist Miteigentümer und hat nur gegen den BER gearbeitet. Und auch Brandenburg sitzt mit im Boot. Ich wünschte mir, dass endlich alle verstehen: Der BER ist ein deutsches Gemeinschaftsprojekt und kein Berliner Hobby.“

Am meisten stört ihn, dass er als Hauptschuldiger gilt, obwohl seine Einflussmöglichkeiten begrenzt waren. Er war nur Aufsichtsratschef. „Der Aufsichtsrat führt nicht die Geschäfte und schraubt auch nicht selber.“ Wenn man so zuhört, kommt einem das bekannt vor, das Von-Sich-Weisen jeder Schuld. Wowereit hat wahrscheinlich das Copyright auf das Verantwortungspingpong, das in der Hauptstadt bis heute gern gespielt wird. Oder ist es noch älter?

Woran wird man sich bei Wowereit erinnern? Ein paar coole Sprüche und das Flughafen-Desaster. Schon gemein, oder? Das sei nicht zutreffend, antwortet er:. „Da müssen Sie noch ein bisschen recherchieren.“ Am besten bei sich selbst: „Das Lebensgefühl hat sich unter meiner Amtszeit total verändert, nicht allein durch mich, aber ich habe wohl einen Anteil daran, dass die Stadt sich geöffnet hat, dass sie attraktiv wurde für viele Menschen aus aller Welt. Das wird man immer mit dem Namen Wowereit in Verbindung bringen.“

Berlin verkraftet noch mehr Zuwächse

Das kann man so sehen. Andere würden sagen: Wowereit hat die Stadt meistbietend verhökert – steigende Mieten, kaum Freiflächen, überall die immergleichen Bürotürme und Ketten. „Sie müssen bedenken, woher wir kamen. Wir wollten Arbeitsplätze schaffen, das war das Ziel. Und wenn der wirtschaftliche Erfolg dann kommt, dann hat das Auswirkungen aufs Mietniveau, das ist die Kehrseite. Das kann aber nicht dazu führen, dass man die Entwicklung stoppt.“

Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen sei ein Problem, da müsse die Politik stärker tätig werden, fügt er hinzu. Das ist interessant. Während seiner Amtszeit hat Wowereit lang geleugnet, dass Berlin ein Mieten-Problem hat. Wenn man sich über steigende Preise beklagte, empfahl er, nach Marzahn oder Frohnau zu ziehen.

Immerhin gibt er inzwischen zu, dass während seiner Amtszeit Fehler gemacht wurden. So seien die vielen Privatisierungen falsch gewesen, im Rückblick betrachtet. Vor allem der Verkauf der landeseigenen GSW 2004, eines der spektakulärsten Geschäfte der Landesregierung. Um den Mietmarkt zu entlasten, müsse man bauen, bauen, bauen. „Die Stadt hat immer noch viele Freiflächen, die man vernünftig ausnützen kann. Auch im Umland gibt es Potenziale. Berlin verkraftet auch noch mehr Zuwächse. Wissen Sie, haben wir doch lange hingearbeitet, dass die Stadt wächst. Es ist doch eine Chance, wie sich die Stadt verändert hat.“

Manches ändert sich, anderes bleibt gleich. Der schlimme Zustand der Schulen zum Beispiel. Auch dazu gab es mal einen guten Wowi-Spruch. „Wenn ich Kinder hätte, würde ich sie nicht in Kreuzberg auf die Schule schicken.“ Wenn man ihn daran erinnert, verzieht er das Gesicht. Das sei wieder so eine typische Nummer, ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat. Er habe gesagt, dass er Verständnis habe, wenn Eltern ihre Kinder woanders zur Schule anmelden, weil sie das Beste für ihr Kind wollen. „Das Problem war damals, dass bestimmte Kreuzberger Kieze vor allem für Singles und Paare ohne Kinder interessant waren und dass die Leute wegzogen, sobald ihre Kinder ins Schulalter kamen. Ich habe gehört, dass das jetzt anders sei. Aber das ist nun auch wieder nicht richtig, jetzt schreien alle Gentrifizierung.“

Klaus Wowereit, das sieht man jetzt, leidet manchmal an seiner Stadt, die sich so prächtig entwickelt hat, die sich aber partout nicht drüber freuen will.

Gute Laune auf dem Sofa

Apropos Leiden. Kurz vor Schluss spricht Wowereit auch über seine Partei, die SPD. Er erinnert daran, dass er einmal stellvertretender Bundesvorsitzender war. Wer schon etwas älter ist, erinnert sich, dass er sogar mal als möglicher Kanzlerkandidat galt. Als Hoffnungsträger. Den Zickzack von Martin Schulz – keine GroKo, doch GroKo – hat er am Fernseher mitverfolgt und die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Er mag Kevin Kühnert, den Juso-Chef. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Jusos jemals der Parteiführung so viel Angst eingejagt haben. Das Engagement der Jusos lässt für die Zukunft hoffen“, schreibt er.

Sehen Sie in ihm einen möglichen Erben? Jetzt wieder gute Laune auf dem Sofa, ein Wowi-Schmunzeln. „Wir kommen beide aus Lichtenrade, aus dem gleichen Ortsverein.“ Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten, Kühnert ist schwul. In einem Interview mit der Siegessäule hat er kürzlich gesagt, wie wichtig es für ihn war, dass Wowereit mit seiner Homosexualität offen umgegangen ist.

Kühnert als Regierender Bürgermeister 2026? „Warum nicht? Das Potenzial hat er sicherlich, aber er hat noch einen weiten Weg vor sich.“ Dann hätten wir das geklärt. Herr Kühnert, übernehmen Sie.