Das Schicksal muss sich über ihm zusammengezogen haben wie ein „verhexter Traum“. Anders kann sich Wenzel nicht erklären, wie er im Handumdrehen vom armen Schneider ohne einen Happen im Magen und ein Dach über dem Kopf zum gefeierten Grafen im Gasthof zu Goldach wurde. Er selbst tat tatsächlich kaum etwas dazu – jedenfalls kaum aktiv etwas.

Ließ vielmehr die angenehme Verwechslung aufgrund seines hübschen Mantels geschehen und genoss das üppige Mahl, das kostenlose Bett, die Einführung in die „gute Gesellschaft“ und die Anbandelung der Amtsratstochter Nettchen. Zwar platzt der schöne Spuk am Ende doch, aber dann schlägt Nettchens Stunde, die den Betrüger rasch zum Bürger kürt.

Wenzel also begreift das alles nur als verhexten Traum, was sein Autor Gottfried Keller mit feinsinnig kritischer Ironie als sehr realen Blutkreislauf des Bürgertums entfaltete. Man kann die kleine humoristische Novelle „Kleider machen Leute“ auf vielerlei Weise lesen: Als Triumph des Realisten über die Fantasten, aber auch als sarkastischen Abstieg des Romantikers zum Geschäftemacher.

Unter der wilden Extravaganz des Schneiders Wenzel schimmert dessen Kleinbürgerlichkeit; hinter den beschaulichen Fassaden der Goldacher die Lust an unbeschränkt Großem. Schein ist wichtiger, als Sein. Doch fällt bei Keller beides nicht einfach griffig auseinander, sondern durchzieht sich in vielen Schattierungen.

Teuflische Projektion

Schattierungen gibt es in der schrill grotesken Comic-Musical-Fassung des Künstlerduos norton.commander.produktions im Theater an der Parkaue zwar nicht. Doch gewinnt ihre muntere, dicht komponierte Spielstunde dafür an Leichtigkeit und leichter Wiedererkennbarkeit für Menschen ab zwölf Jahre. Nicht als subtile Bürgerparodie, sondern eben als „verhexten Traum“ zeichnen sie die Verirrung des armen Schneiders in die Werbeluxusfantasien von heute nach.

Strippenzieher dieser Verführung ist der unsichtbare „echte“ Graf selbst, in dessen Rolle Wenzel halb gezwungen, halb willig schliddert. Und wie es die teuflische Projektion will, agiert dieser „Graf“ auch nur aus der virtuellen Realität der Leinwände heraus, die sich auf Kopf- und Fußhöhe der Bühne befinden.

Er wie auch die schräg-schrillen Goldacher Pappfigurenbürger, die ihm verfallen sind, leben zwar nur im Leinwandflackern, doch verlängern sie ihre Gesten in den realen Bühnenlebensraum Wenzels so geschickt, wie umgekehrt Wenzel seine Gesten in den Film hineinziehen lässt, dass sich die Bildebenen zwischen Schein und Sein perfekt verschlingen.

Die technisch komplexe Verführung der Realitäten ist der Sinn- und Energiekern dieses tollen Theaternachmittags. Namosh, selbst Sänger und Performer, gibt Wenzel dabei seine beeindruckende, traurig schöne Popstar-Gestalt. Und Nikolaus Woernles Songs vom Elektropop zum Rap zum Volkslied stimmen so gut dazu, dass man einfach sagen will: hin.

Kleider machen Leute im Theater an der Parkaue. Karten gibt es noch für den 23.4., Tel. 55 77 52 51.