Ludwig van Beethoven (1770-1827) in einem Stich nach dem Porträt Joseph Karl Stielers.
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BerlinDas konzertante Großereignis der kommenden Tage wären die Festtage der Staatsoper mit der vollständigen Aufführung aller Beethoven-Symphonien durch die Staatskapelle unter Daniel Barenboim gewesen. Dass diese und zahlreiche andere Beethoven-Jubiläums-Veranstaltungen nun ausfallen, erfüllt den Traum jedes negativen Dialektikers vulgo Miesmachers: Der Jubilar wird durch Nicht-Aufführung geehrt und rückt dem Rezipienten durch Abwesenheit vielleicht näher als durch eine Aufführung. Im Zeitalter der technischen Reproduktion wird Beethoven jedoch nur dem öffentlichen Publikum entzogen: Im stillen Kämmerlein kann man ihn aufspielen lassen. 

Etwa mit der neuen „Pastorale“ der Akademie für Alte Musik Berlin (harmonia mundi). Bernhard Forck leitet die Aufführung als Konzertmeister, und die Interpretation des eher Beethoven-unerfahrenen Ensembles besticht durch Geradlinigkeit in Phrasierung und Klang. Natürlich lässt es sich die Akademie nicht nehmen, den Gewitter-Satz mit krachendsten Akzenten zu spielen. Ansonsten hält sich die Interpretation mit Extremen zurück, was zuweilen die Phrasen etwas zu flach gewölbt, Wiederholungen gar zu wiederholt – statt gesteigert oder zurückgenommen – erscheinen lässt.

Gewinnbringend kombiniert mit Musik von Justin Heinrich Knecht

Ein großer Gewinn wird die Aufnahme durch die Kopplung mit „Le portrait musical de la nature“ des Biberacher Komponisten Justin Heinrich Knecht. 18 Jahre älter als Beethoven, steht Knecht der barocken Nachahmungs-Ästhetik noch nahe, entdeckt aber in dieser etwa 25 Jahre vor der „Pastorale“ entstandenen Symphonie bereits jene musikalischen Mittel, mit denen auch Beethoven die Natur als so willenlos wie harmonisch in sich kreisende Erscheinung begreift: Dreiklänge laufen ineinander, die Harmonik beschränkt sich auf untätiges Schaukeln. Was hier üppig ausgemalt wird, scheint bei Beethoven auf musikalische Elementarsubstanz verknappt, am krassesten im dreinschlagenden Gewitter-Satz – bei Knecht mag man sich noch vorstellen, wie eine Gesellschaft mit überraschtem Lachen dem Regen zu entfliehen versucht.

Auf diese Weise bietet diese CD Einsichten, die von denen Barenboims sehr verschieden sind. Einsichten hält auch die CD „Beethoven Unknown“ des Pianisten Matthias Kirschnereit (Berlin Classics) bereit. Zwischen der jedem Klavierschüler geläufigen Sonatine F-Dur und den zu wenig bekannten, recht virtuosen Variationen op. 34 spannt sich ein Bogen selten gespielter und hier so zauberhaft wie klar interpretierter kurzer Werke. Neben Erstaunlichem wie der f-Moll-Sonate des 12-Jährigen Ludwig und lustigen Tänzen steht überraschend Abgründiges wie die späten Klavierstücke in h- und g-Moll. Es sind kleine, aber bedeutende Entdeckungen, die man auf dieser CD machen kann.