In diesem Jahr kann ich dieser Lust am Garten-Text hemmungslos frönen, auf dem Rasen stapeln sich die Neuerscheinungen über gärtnernde Städter.
Vom Deckel des Dumont-Buches über den Prinzessinnengarten lachen mich erntende Menschen, dicke Bohnen und Kohlköpfe an. Der Münchner Max Scharnigg empfiehlt in „Feldversuch. Unser Stück Land vor den Toren der Stadt“ 100 Quadratmeter Acker als Schlüssel zum Glück. Im oekom-Verlag berichtet Martin Rasper „Vom Gärtnern in der Stadt“ und der Kneipp Verlag verspricht unter der Überschrift „Jedem sein Grün! Urbane Permakultur“ nichts weniger als „Selbstversorgung ohne Garten.“ Josie Jeffery will mit „Samenbomben die Welt verändern“, Freitag-Herausgeber Jakob Augstein baute seine Garten-Kolumne zum Buch „Die Tage des Gärtners“ aus. Das habe ich erst mal beiseite gelegt, denn es wurde in der Zeit dafür gerügt, von Nutzpflanzen abzuraten.

Die anderen Bücher mögen Gemüse. Und sie erzählen Geschichten mit Happy End, wie das eben so ist mit dem Säen und Ernten. Aus fahlem Braun wird sattes Grün, aus Brachen blühende Oasen. Meist geht es gleichzeitig um mehr, nämlich um Nachhaltigkeit, gute Nachbarschaft, Selbstversorgung, ja die Rettung der Welt. Darüber möchte ich eigentlich jeden Tag etwas lesen. Ich habe schon ein paar anregende Titel in der Laube stehen. Meine Lieblinge sind „My Green City. Back to Nature with Attitude and Style“, Richard Reynolds „Guerilla Gardening“ und natürlich Christa Müllers Sammelband „Urban Gardening“, der in wirklich jedem Feuilleton besprochen wurde.

Wunderbar. Mehr davon! Das dachte ich im Herbst. Doch nun fühle ich mich bei der Vorstellung, dass sich Verkaufstische unter solchen Büchern biegen, ganz beklommen. Ist es altmodisches Frontdenken nach dem Motto: Es gibt kein gesellschaftsveränderndes Gemüse im formschönen Bildband? Ist es eine unfrohe Spielverderber-Mentalität, die mich lieber zur Studie „Konsumgut Nachhaltigkeit“ greifen lässt? Ist es Neid? Hätte ich selbst gern ein Buch gemacht? Klar! Und als ich neulich bei Nieselregen in meinem Komposthaufen stand, fühlte sich das nicht halb so gut an, wie der Dachgarten auf Martin Raspers Buch aussieht.

In Gärten passiert ja immer wieder das Gleiche. Zwar sind zentrale Gemeinschaftsprojekte interessanter als schnödes Vorortgrün, doch auch in Kreuzberg oder Manhattan keimen die Möhren jedes Jahr um die gleiche Zeit. Daher überlegte ich schon letzten Sommer, ob die Medienbegeisterung wohl anhalten möge. Wer weiß, wie das weiter geht. Um Michelle Obamas Gemüsegarten am Weißen Haus ist es schon still geworden. Und nun diese ganzen Bücher. Wie die Blüten einer überdüngten Pflanze. Zu groß, zu viele, zu bunt, womöglich kurz vorm Schlappmachen?

Das ist es also: Echte Sorge – dass das zarte Pflänzchen „urbanes Grün“ als Modethema ins Kraut schießt! Dass es zart ist, zeigt allein die Tatsache, dass fast jeder Text zum Thema den Prinzessinnengarten preist: Weil er wirklich toll ist, aber auch, weil viele Journalisten nicht weiter als bis zum Moritzplatz blicken. Oder neuerdings bis zum Tempelhofer Feld. Die Hochbeete dort sind großartig, aber nicht groß. Zwar sind sie keineswegs die einzigen der Stadt, doch es muss noch viel geschehen, damit die urbane Wirklichkeit so saftig grün, fruchtbar, gesellig und nachhaltig ist, wie sie auf dem Papier schon aussieht. Dauerhaft gesicherte Flächen – z.B. am Moritzplatz oder auf dem Tempelhofer Feld wären ein Anfang.
Aber wir hier im Feuilleton glauben wir ja an die Wirkkraft der Kultur. Vielleicht liegen die schönen Bücher ja schon vor den Liegestühlen der Stadtplaner oder der Organisatoren der Internationalen Gartenausstellung 2017. Und gärtnernde Menschen sind sowieso trendresistente Überzeugungstäter. Sie werden, daran glaube ich fest, ihre Spaten schwingen und die Welt verändern, auch wenn eines Tages alle über urbane Gurken gähnen. Und wer weiß? Vielleicht wollen wirklich nicht nur immer mehr Leute ein Beet, sondern auch ein paar Bücher dazu. So wie ich.