Berlin-Spandau - Wer jetzt noch keinen Garten hat, der wünscht sich einen! Susanne hockt in den Stachelbeeren vor ihrem blitzblauen Haus. Es ist aus Holz und hat ein begrüntes Dach, auf dem sich zwischen Sukkulenten Gras breitmacht. Das sieht aus wie eine gemütliche Pudelmütze. Wilder Wein hat eine Pergola um den Eingang gewunden und die Sonne zaubert ein Spitzenmuster auf Tisch und Stuhl.

Ich stehe wie angewurzelt und schaue in einen verwunschenen Garten, in dem Glockenblumen und Wiesenstorchenschnabel gerade ihr Feuer verschießen. Äpfel und Brombeeren reifen. Ein schmaler Trampelpfad verstecken sich in mannshohen Rudbeckien. Dahinter und noch weiter ducken sich moosige Dächer kleiner Lauben.

Schwedisches Sommermärchen

Was sich anhört wie ein schwedisches Sommermärchen, spielt in den naturnahen Gärten der Ökokolonie Spandau. Wer nach Norden schaut, kann die Wipfel der Bäume des nahen Forstes sehen, durch den bis 1989 die Grenze zur DDR verlief. Das war auch das Jahr, in dem auf einer Brache voller Quecken der erste Spatenstich für eine zukunftweisende Schrebergartenanlage getan wurde.

Der Förderverein für das Kleingartenwesen erschuf diese Kolonie nach ökologischen Gesichtspunkten. Schon damals wurden die Berliner Kleingärten von Neubausiedlungen verdrängt. Und man hatte genug von gezierten Gärten mit Rosen, Rasen, Koniferen.

Bernd Fellmer (71), ein Landschaftsarchitekt im Ruhestand, gehört zu den Gründern der Kolonie. „Das wichtigste ist, dass wir keine Zäune haben“, sagt er. „Ich bin sehr glücklich, wie wir hier zusammenleben.“ Was man ihm ansieht. Im nächsten Jahr wird dieser besondere Ort also 30 Jahre alt. Fremdländische Gehölze sowie Pestizide und mineralische Dünger sind seit jeher auf dem Terrain verboten.

„Alles potenzielle Grünwähler“

Fließend Wasser und Strom in den Häusern sucht man vergeblich. Laute Motorgeräte können nicht betrieben werden. Es herrscht himmlische Ruhe in Taka-Tuka-Land. Die meisten Pächter haben Toiletten mit Mulch und Rinden, deren Inhalt nach der Kompostierung abgeholt und woanders aufgebracht wird. Die Spandauer Ökokolonie befindet sich nämlich in einer Wasserschutzzone und darf den Dünger selbst nicht nutzen.

Außer für die Laube mit maximal 25 Quadratmetern ist keine Erdfläche versiegelt. Schließlich gehört der Garten nicht nur den Menschen, sondern auch einer Vielzahl von Tieren, die Unterschlupf in altem Holz oder zwischen Steinen finden. Holz- und Lehmhäuser sind keine Pflicht, entsprechen aber dem Geist seiner Bewohner. Wie schön sie sind! „Wir waren anfangs 16 Parteien“, erinnert sich Bernd. „Alles potenzielle Grünwähler.“ Heute ist die Kolonie auf 30 angewachsen. Es dauert schon eine Weile, bis alle Gärten so märchenhaft aussehen wie die allerersten.

Susanne Yacoub (54) hatte mich eingeladen. Die Kinder der Filmemacherin für Garten und Architektur waren 2002 noch klein, als sie die Parzelle übernahm. Lange Zeit war der Garten für Sohn und Tochter ihr Naturspielplatz. Bei Bernd saßen sie gern am Teich und beobachteten die Frösche. „Kinder sind bei uns willkommen“, betont Susanne. „Sie dürfen in der ganzen Anlage spielen und von den Früchten naschen.“

Wie ein riesiger Bauerngarten

Ihr Sohn Karim ist heute 19 Jahre alt, hin und wieder kommt er noch zum Grillen und Chillen. Ehemann Talat erholt sich in der Ruhe. Susanne hat immer was zu puzzeln. Bei ihr wachsen Palmkohl, Kürbisse und violette Kartoffeln. „Pflanzen sind wie Menschen“, lächelt sie und pflückt uns ein paar rote Stachelbeeren.

In diesem Jahr scheinen die Blumen noch größer, die Früchte noch praller. Erst waren da die langen Sommerwochen, dann gerade noch rechtzeitig ein wenig Regen. Egal auf welchem Grundstück ich stehe, ohne die Zäune fließt alles zu einem einzigen riesigen Bauerngarten zusammen. Die Abgrenzung zum Nachbarn ist eher impressionistisch zu sehen, als Anregung zum Respekt. Man könnte sich glatt verirren inmitten der rotblühenden Stangenbohnen, dem duftenden blassrosa Phlox, reifender Tomaten, Quitten und zarter Kosmeenschwärme. Begeistert und benommen taumele ich durch die Duftwolken.

Kein Gegeneinander

Hin und wieder sehe ich jemanden graben oder zupfen. Kristina Fellmer putzt Möhre um Möhre der in diesem Jahr in den drei Hochbeeten so reichlich gediehenen Ernte. Enkel Mika (4) hält seinen Großvater auf Trab. Nicht jeder hier baut Gemüse an, obwohl das Bundeskleingartengesetz für alle gilt, ob nun ökologische Kolonie oder nicht. Es schreibt vor, dass ein Drittel der Fläche Obst und Gemüse tragen soll.

„Einer hat wenig davon, ein anderer mehr“, sagt Bernd Fellmer entspannt. „Das gleicht sich bei uns in der Gesamtfläche aus.“ Die Vorschriften ließen sich schon immer so auslegen. Ohnehin wird in der Ökokolonie Spandau vieles gemeinsam entschieden. Soll ein Teich her, tun sich schon mal Anrainer zu einem größeren zusammen. Es herrscht ein Miteinander und kein Gegeneinander. Wer jetzt denkt, da möchte ich auch sein, der muss schon drei, wenn nicht vier Jahre warten.

„Sofort Feuer und Flamme“

Kasimir (5) sitzt im Baumhaus und beobachtet die Tiere. Ihm gefällt es im Garten seiner Eltern. Sein Vater Christian Ahrens (41) ist Musiker und als Trompeter oft auf Konzertreise. Jetzt sitzt er vor der Bienenbeute, wo es am Schlupfloch ein ständiges Rein und Raus gibt. Kasimirs Mutter Luise Blank (43) gestaltet beruflich Naturgärten. Das mit der Laube war ihre Idee.

„Ich war auf der Suche. Wenn man in Kreuzberg wohnt, hat man einfach Lust aufs Land.“ Obwohl, ohne Auto sei das schon eine kleine Reise. Die Bienen waren eigentlich ihr Projekt, „aber auch Christian war sofort Feuer und Flamme“. In ihrer Einraumbeute wohnt und arbeitet ein Naturschwarm. Man könne stundenlang vor dem Flugloch sitzen und schauen, wie sie sich putzen. „Bienen sind für mich wie Haustiere“, lacht Luise.

„Wenn man nicht dauernd in den Pflanzen rumwurschtelt, entwickelt sich eine tolle Vegetation“, hatte Bernd gesagt. „Und wer Kinder hat, gestaltet seinen Garten noch mal anders.“ Edelrosen werde man nicht finden in diesem verträumten, vor Pflanzen nur so strotzenden Stück Erde. Stattdessen die alten, einfachen Sorten, die machten es den Insekten ein wenig leichter.

Blütendüfte und Nachtigallgesang

Am Rande von Bernds Garten steht auch die einzige Hecke der ganzen Anlage. Ein Fragment nur. Sie schützt nicht vorm Nachbarn, sondern ihr dichtes Geflecht und das Laub sind ein einzigartiger Brutplatz für Amseln. „Mir gefiel diese Anlage, weil es hier nicht so kleinkariert zugeht“, verrät Luise. „Hier kann ich mich auch mal hinsetzen und nichts tun“, Christian klingt erleichtert.

Wenn der Tag sich neigt in der Kolonie, wird das Licht schön weich und der Wind treibt die Blütendüfte umher. Kasimir freut sich darauf, im Garten zu übernachten. Und wenn keiner schaut, besucht er vorher noch mal die Bienen, steckt vorsichtig den Finger ins Flugloch und nascht vom süßen Seim. Kasimir ist der Honigbär der Familie. Angst machen ihm die Bienen nicht.

Susanne dreht eine letzte Runde ums Haus und klaubt ihre Solarlampen aus dem Gras, damit sie nach Einbruch der Dunkelheit drinnen noch lesen kann. Bernd, Kristina und Enkel Mika übernachten diesmal zu Hause. Im Frühjahr ist es in der Ökokolonie Spandau besonders schön. Dann singen die Nachtigallen bis zum frühen Morgen. Im späten Sommer und auch im Herbst herrscht köstliche Stille. Nur aus dem Bienenkasten hört man ständiges Brummen.