Bevor der Rasenmäher kommt.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

BerlinEs gibt eine Gartenarbeit, die ich selten verrichte, obwohl ich sie eigentlich mag. Ich meine das Rasenmähen. Es erzeugt diese besonders schöne Zufriedenheit, die sich einstellt, wenn das Ergebnis einer Mühe deutlich zu sehen ist: Wo sich vorher lange Halme bogen und die Konturen der Beete verschwimmen ließen, zeigen sich akkurate Blatt- und Blütenformen vor samtenem kurzem Grün. Es ist ein bisschen wie der glasklare Durchblick nach dem Fensterputzen, wenn es selten genug geschieht.

Ein Blick ins Gartenbuch sagt mir allerdings, dass ich nicht selten, sondern mindestens einmal die Woche mähen und dabei höchstens ein Drittel des Halms kappen sollte. Das stresst die Graspflanzen nicht so, sorgt für dichten Wuchs und lässt den Garten immer ordentlich aussehen, was das Erfolgserlebnis natürlich erheblich minimiert. Dafür ist das korrekte Mähen weniger Millimeter eine leichte Aufgabe, genau richtig für diese handbetriebenen, klimaschonenden Spindelrasenmäher, von denen ich schon seit geraumer Zeit träume.

Dass ich trotzdem nicht oft mähe, hat mehrere Gründe. Der erste: Ich habe öfter was anderes zu tun. Zweitens blüht bei mir immer irgendetwas zwischen den Halmen – von Schneeglöckchen über Löwenzahn und Gänseblümchen, Wiesenschaumkraut, Lerchensporn und Klee bis zu Schafgarbe und Johanniskraut, die Blüten sind immer von hungrigen Bienen, Hummeln, ja Schmetterlingen umschwirrt.

Mähe ich um all diese Blumen und Kräuter herum, blüht dort früher oder später auch das Gras. Es nährt zwar keine bedrohten Insekten, ist aber interessant und dekorativ. Jede Rasenmischung besteht ja aus verschiedenen Grasarten und -sorten, werden die nicht unerbittlich gestutzt, ist das auch zu sehen. Die kompakt übereinander gestuften Samen des Weidelgrases bilden zum Beispiel eine lockere Ähre. Das hat einen ganz anderen Charakter als die weit ausgreifende, zarte Rispe der Wiesenrispe oder der Rasen-Schmiele. Letztere findet sich in Mischungen für schattige Flächen, weil sie so hübsch ist, wird aber auch (wie das puschelige Schafschwingelgras) als Zierpflanze verkauft. Bei mir dürfen Gräser im Rasen groß werden, einfach weil eine erst grüne, später mattgelbe Wolke zarter Blüten- und Samenstände nicht nur in Beeten schön aussieht. Das wäre der dritte Grund.

Und schließlich, nun kommt der vierte, ist hohes Gras ein begehrter Lebensraum. Im Juli leuchten hier mit ein bisschen Glück Glühwürmchenweibchen und locken ihre ebenfalls mit aparten Lichtquellen versehenen Partner an. In einem mir nahestehenden Garten auf dem Land sehe ich dieses Schauspiel fast jedes Jahr. Und hoffe sehr, dass es eines Tages auch bei mir in Berlin stattfindet. In meinem Schrebergartenrasen wohnen bisher immerhin Wanzen, Spinnen, Käfer und sonstige Krabbler, dazu kleine Mäuse und Grashüpfer. Letztere springen hektisch in alle Richtungen, sobald der dröhnende Mäher anrollt. Natürlich lasse ich auch ihnen Rückzugsbereiche stehen.

Eigentlich habe ich also eine Wiese, mit ein paar geschorenen Wegen (zum Klohäuschen, zu den Beeten, zum Kompost usw.) darin und einer Schneise für den Liegestuhl. Die Grillen bedanken sich im Spätsommer, also jetzt, mit mediterranem Gezirpe.