Fassade mit Bouganville an der Côte d'Azur.
Foto: Imago

BerlinWie so viele andere auch verbringe ich diesen Sommer auf heimischen Grünflächen, in Parks, an Seen und im Schrebergarten. Das ist schön, keine Frage, aber hin und wieder schweifen die Gedanken doch in die große weite Welt. Wie gern würde ich gerade durch Kew Gardens spazieren, Londons königlichen Botanischen Garten! Oder im Dalston-Eastern-Curve-Nachbarschaftsgarten vorbeischauen, weit im Norden dieser neuerdings so seltsam entrückten Stadt. Ich trank dort mit Blick auf Hochbeete Bier, der Garten lag direkt neben meinem Hotel. Vielleicht kann ich auch eines Tages wieder Bougainvilleas an kalifornischen Telegraphenmasten bewundern oder den derben, an Dürre gewöhnten Rasen in den Vorgärten dort.

Bis es soweit ist, lese ich endlich die Bücher, die ich von Reisen mitbrachte, natürlich im Liegestuhl. Zum Beispiel die von Persephone Books, das ist ein kleiner Buchladen in der Lamb’s Conduit Street in London. Der dazugehörige Verlag hat sich auf die Wiederentdeckung vergessener Werke, meist von Frauen, spezialisiert. Natürlich (England!) ist auch einiges über Pflanzen und Gärten dabei.

Ich erwarb dort „Gardeners’ Choice“ von Evelyn Dunbar und Charles Mahoney, ein zuerst 1937 erschienenes Buch voller höchst anregender Pflanzenporträts. Aber es gibt im hübschen Shop in Bloomsbury – und online! – auch Romane und Erzählungen, Lyrik, Thriller, Koch- und Kinderbücher, Haushaltsratgeber, Hommagen ans Country Life, frühe feministische und sonstwie gesellschaftskritische Prosa, eleganten englischen Humor und alles sonst, was mit wachem Sinn für notorisch unterschätzte weibliche Perspektiven und literarische Originalität von Interesse ist. Schauen Sie unbedingt mal vorbei (www.persephonebooks.co.uk). Noch funktioniert der Handel mit der britischen Insel ohne Probleme.

Während die Reise nach England derzeit kompliziert, aber immerhin wieder ohne Quarantäne möglich ist, bleibt ein anderer, mir sehr lieber Buchladen unerreichbar. Er heißt „Mrs. Dalloway’s“, befindet sich in Berkeley, USA, und nennt sich Fachgeschäft für „Literary & Garden Arts“. Hier schmökerte ich durch Garten-Ratgeber der kalifornischen Hippie- und Selbstversorgerbewegung, hier strich ich sehnsüchtig über für Reisende viel zu schwere Bildbände, hier steckte ich „Life in the Garden“ der Booker-Preisträgerin Penelope Lively ein. Es enthält Reflexionen über Pflanzen in Beeten, Erinnerungen, Büchern und Kunst – Horti- und sonstige Kultur liegen im englisch-amerikanischen Sprachraum viel näher beieinander als im deutschen. Daher zieht es mich dort auch so hin.

Immerhin gibt es in Kreuzberg einen „Buchladen für Natur und Kultur“, er heißt „Zabriskie“ und ist gerade in die Reichenberger Straße umgezogen. Hier kaufte ich zuletzt „Onward and Upward the Garden“, Kolumnen der „New Yorker“-Redakteurin Katharine S. White. Sie entdeckte und förderte unter anderem Vladimir Nabokov und John Updike, in ihren Kolumnen behandelte sie Samenkataloge, Gartenbücher und -trends mit genauso viel Aufmerksamkeit und Witz wie große Autoren. Leider wurde dieses Buch wie so vieles, was ich gern lese, nicht übersetzt, aber auch das kann ja – wie die Bewältigung des Covid-19-Problems – eines Tages geschehen.