Berlin - Dunkelgrün und ein bisschen düster schirmt eine alte Eibe (Taxus baccata) meinen Schrebergarten zur Straße hin ab. Sie steht da schon sehr lange, vielleicht seit Gründung der Kolonie im Jahr 1946. Eiben werden steinalt, 800 Jahre und mehr. Erwachsen sind sie mit 15 bis 30 Jahren, jedenfalls bilden die weiblichen unter ihnen erst dann ihre himbeerroten, etwas seltsam geformten Früchte aus. Meine Eibe ist im Sommer ein ruhiger Hintergrund für den bunt blühenden Rasen, im Winter belebt ihr Grün das kahle Geäst dieser Gartenecke.

Tiere mögen sie auch, als ich neulich ein Eichhörnchen hineinklettern sah, vertrieb es eine empört davonflatternde Amsel. In einem Park beobachtete ich neulich einen Fuchs, der Eiben-Beeren naschte. War er jung und dumm? Oder einfach geschickt genug, nicht auf die Samen zu beißen? Denn das pinke Fruchtfleisch ist als einziger Teil dieser Pflanze nicht hochgiftig. Ich fand in einem Naturkochbuch sogar ein Rezept für Eibenbeeren-Kompott. Aber probieren Sie das NIE! Wer weiß, ob nicht doch eine Nadel oder ein Kern in den Kochtopf rutscht. Eiben sind Killer, zumindest für Menschen und viele Weidetiere.

Deswegen hat dieses hübsche Nadelgehölz auch keine Karriere als Adventsdekoration gemacht. Wer möchte neben den Zimtsternen schon Zweige stehen haben, die Taxin enthalten, das in schon sehr kleinen Dosen den Tod herbeiführt? Andererseits ist auch die zu Weihnachten beliebte Stechpalme nicht ohne: Schon 20 ihrer feuerwehrroten Beeren können für Erwachsene lebensgefährlich sein, schreibt Klaudia Blasl in ihrem Buch „111 tödliche Pflanzen, die man kennen muss“. Auch Efeu, der winterliche Blumensträuße und Gestecke ziert, sollten wir nicht in den Mund stecken.

Kurz, die Natur ist nicht immer harmlos, auch wenn arglose Menschen des 21. Jahrhunderts das manchmal denken. Oder dachten, bevor Corona kam. Aber es stimmt schon, die Eibe ist besonders giftig. Das ist aber kein Grund, sie nicht zu lieben, finde ich. Eiben sind geheimnisvoll, ansehnlich und als Sichtschutz sehr praktisch. Und es gibt so viel über sie zu erzählen! Über Ötzis Kupferbeil mit Eibengriff, über Kelten, die Pfeile mit ihrem Saft tränkten, über Robin Hood und englische Langbögen aus ihrem elastischen Holz, über die alten Eiben vor dem Eingang der Kinderbibliothek der AGB, die, um die lieben Kleinen zu schützten, herausgerissen wurden. Und so wild und gefährlich diese Pflanze wirken mag, so bereitwillig lässt sie sich in jede beliebige Form schneiden, zum Beispiel in die 96 Pyramiden auf den Terrassen von Sanssouci.

Die Eibe wuchs schon vor 150 Millionen Jahren bei uns und ist die älteste in Europa heimische Baumgattung. Wenn ich an grauen, zu milden, seltsamen Wintertagen wie diesen trüben Gedanken nachhänge, schaue ich mein stattliches Exemplar an und denke, dass seine Nachkommen vermutlich noch weitere 150 Millionen Jahren mit ihren weichen Nadeln winken werden. Ich finde das tröstlich. Wenn Sie auch einmal Aufmunterung brauchen: Gepflanzt wird Taxus baccata an frostfreien Tagen im Winter. Gerade können wir keine kaufen, aber die dunkle Jahreszeit ist ja noch lang.