Gute Bedingungen, gute Ernte. Möhren aus dem Garten.
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BerlinJetzt, im späten Sommer, sieht mein Schrebergarten etwas zerzaust und vertrocknet aus. Die Wachstumsperiode hat ihren Höhepunkt überschritten, vieles ist geerntet, anderes macht schlapp. Einige Pflanzen bringen mit ein bisschen Zuwendung noch wochenlang Blüten hervor: Dahlien etwa, der Schmetterlingsflieder, die Ringelblumen sowieso. Und Herbstastern und Chrysanthemen legen erst noch richtig los. Aber es stimmt, der Herbst kommt in Sicht und mit ihm die Phase, in der alle miteinander eine Pause einlegen. Manches zieht sich für ein paar Monate unter die Erde zurück, manches wirft alle Blätter ab, manches stirbt.

Weil das in der Pflanzenwelt so ist und weil auch Menschen und Tiere nicht ewig leben, finde ich die ökonomische Metapher des notwendigen Dauerwachstums so blöd. Nichts und niemand kann unentwegt weiterwachsen, zumindest nicht in einem System mit endlichen Ressourcen wie unserem Planeten. Wer wüsste das nicht.

Wer aber je eine winzige dünne Möhre aus schierem Sand zog und sie mit ihrem wohlgeformten 20-Zentimeter-Pendant aus einem im gut kompostierten Gemüsebeet verglich, weiß auch, dass Wachsen nicht gleich Wachsen ist: Je besser ein Lebewesen versorgt ist, desto besser kann es seine Möglichkeiten ausschöpfen. Das gilt für Pflanzen wie für Tiere, einschließlich Menschen. Und es gilt sicher auch für Gemeinschaften, Kulturen und Ideen. So betrachtet ist Wachstum als Sinnbild gar nicht so schlecht. Es weist nicht auf ein unendlich-unersättliches Immer-Mehr wie in kapitalistischem Wirtschaftssprech, sondern darauf, dass ein lebendiger Prozess und seine Bedingungen stets korrespondieren.

Mir kommen diese Gedanken, während ich beim Jäten Michelle Obamas Podcast höre, den sie pünktlich zum US-Wahlkampf startete. Hier ist, wie auch in ihrer Autobiografie, immer wieder vom Wachsen die Rede. „Growing“ hat auch bei ihr einen übertragenen Sinn, es bedeutet, dass es nie allein ums schlichte Existieren, sondern ums Gedeihen, Entfalten, eben Wachsen geht. Und dass das nicht für alle Menschen gleich selbstverständlich ist, sondern, zum Beispiel, von rassistischen Strukturen einer Gesellschaft eingeschränkt wird.

Michelle Obama hat auch konkret etwas wachsen lassen, vielleicht kommt sie im Podcast noch darauf zu sprechen. Aber auch ihr Buch „American Grown“ (2012) erzählt, wie sie den langweiligen Südrasen am Weißen Haus in überbordendes Nutzpflanzen-Grün verwandelte und nebenbei (zum Verdruss der Agrarindustrie-Lobby) eine ökologische Botschaft sendete. Dieses Buch berichtet vom Säen, Keimen, Wachsen, Ernten, von Gardening-Erfolgen und Pannen, präsentiert Anekdoten und Rezepte. Der prächtig illustrierte Band verneigt sich außerdem vor der Gemeinschaftsgartenszene in den USA, vor sozialen, nachhaltigen Nachbarschaftsprojekten.

Michelle Obama wirkt darin wie immer emphatisch, temperamentvoll und ein bisschen pathetisch, aber eben auch glaubwürdig und Pflanzen wie Menschen zugewandt. Das zu lesen macht gute Laune, ist wohltuendes Kontrastprogramm zur aktuellen Nachrichtenlage. Es wirkt glamourös und bodenständig zugleich, erinnert an bessere Zeiten (zumindest im Weißen Haus) und lässt die Hoffnung keimen, dass es (nicht nur dort) eines Tages wieder mehr um ein gedeihliches Miteinander geht.