Auch in diesem Jahr fallen die Blätter von Berliner Bäumen. Dichter früherer Zeiten reagierten mit melancholischen Zeilen auf den Herbst. Im Garten bedeutet er vor allem: Harken. Von der Herbstsonne gewärmt oder vom Nieselregen erfrischt, schwingt man den Rechen und befördert das Laub unter Büsche oder ins Staudenbeet. Die Monotonie dieser Tätigkeit lässt die Gedanken schweifen, durch das sich neigende Gartenjahr, durch private, berufliche oder politische Sphären.

Glückliche Menschen verbringen auf diese Weise friedvolle Stunden, nicht so glückliche werden durch einen aufheulenden Zweitakter gestört. Denn viele Baumbesitzer begegnen dem Lauf der Dinge mit einem Gerät, das mit einem Schallpegel über 100 Dezibel durch die herbstliche Stille fährt: Der benzinbetriebene Laubsauger oder Laubbläser schafft spielend die Lautstärke eines Presslufthammers, verbreitet Feinstaub und üble Gerüche, saugt neben Blättern, Samen, Insekten, Würmer und Kleintiere (z.B. jugendliche Igel) auf. Sie werden dann im Laubsack gehäckselt und entsorgt. Die zu diesen Geräten gehörenden Menschen gehen langsam und leicht verkrampft durchs Gedröhn, bei ihrem Anblick fragt man sich, wie sie sich nach mehreren Stunden im Laub wohl fühlen.

Hohe Emissionen von Kohlenwasserstoffen

Im Schrebergarten ist es Glücksache, ob die Nachbarn eher Harker oder Sauger sind. Unter Straßenbäumen wird voller Überzeugung gesaugt bzw. geblasen. Auf eine Kleine Anfrage zum Thema hieß es im März 2010 im damals noch rot-roten Berliner Abgeordnetenhaus: „Die vielfach in diesen Geräten verwendeten Zwei-Takt-Motoren erzeugen hohe Emissionen von Kohlenwasserstoffen, die bis zum 200-fachen der Emissionen eines modernen Pkw mit Katalysator betragen können.“ Auch der Lärm sei ein Problem, man räumte außerdem ein, von Laubbläsern werden neben Laub „auch Staub mit anhaftenden mikrobiellen Verunreinigungen, wie Bakterien, Schimmelpilze, Viren, Parasiten, Blüten- und Gräserpollen aufgewirbelt“.

Der Senat empfahl daher Ohr- und Mundschutz und kam weiterhin zu dem Schluss, dass der Geräteeinsatz unverzichtbar sei. Die Verkehrssicherheit sei zu gewährleisten und zu bedenken, „dass im Herbst relativ große Laubmengen in kurzer Zeit anfallen, die beherrscht werden müssen.“ Sprachsensible Naturfreunde werden zusammenzucken. Und die einige Zeilen weiter formulierte Aussage „die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht ein gepflegtes Stadtbild“ passt nicht recht ins sich so gern lässig gebende Berlin.

Wie schallt es da doch entspannt aus Starnberg, wo man der Stadtreinigung im Herbst 2012 das Laubblasen verbot. Ein Herr vom Starnberger Presseamt sagt auf Nachfrage im Herbst 2013, die städtischen Mitarbeiter würden zwar seufzen, wenn das Laub zwischen Fahrradständern klebe, und hier und da würde man vielleicht eine Ausnahme genehmigen. Aber im Großen und Ganzen seien die Erfahrungen gut, und die Leute sollten sich doch nicht an ein paar Blättern stören. „Früher haben wir’s ja auch ohne Laubbläser geschafft“, meint er freundlich. Bayern! In manchen Fällen ist konservatives Denken toll.

90000 Kubikmeter Laub pro Herbst

Berliner Politiker würden sicher einwenden, dass das reiche Starnberg bestimmt sehr viel mehr harkenschwingende Angestellte habe als das arme Berlin und dass dort sicher nicht 90000 Kubikmeter Laub pro Herbst zu bewältigen seien. Dennoch. Vielleicht würden sich BSR-Leute freuen, wenn sie ohne Mund- und Ohrschutz, ohne schweres Gerät vorm Bauch, ohne bedenkliche Abgaswolken um sich herum und ohne gehäckselte Stadtratten arbeiten und die Jahreszeit genießen könnten? Wie heißt es doch so schön bei Friedrich Hebel? „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum ...“

Aber zurück in den Kleingarten – hier sind die Laubmengen leicht per Hand und Harke zu bewältigen. Haben es sich Igel im Laub gemütlich gemacht, wird man sie nicht zerfleischen, sondern ihnen einen schönen Blätterhaufen (am besten auch mit Baumschnitt und Zweigen angereichert) aufhäufen. Man wird die Kleinstlebewesen des Bodens nicht mit 220 km/h durch die Luft jagen, sondern die Blätter in aller Ruhe verrotten lassen. Und man wird über Bayern und Berliner grübeln, über grüne, rote und schwarze Beziehungen zu schwerem Gartengerät und natürlich das eine oder andere, gute alte Herbstgedicht murmeln.