Müllstadt in Dandora, Nairobi
Quelle: Filmstill, "Die Epoche des Menschen"

BerlinEs ist ein unheimliches, geradezu apokalytisches Bild, das einem so schnell nicht aus dem Kopf geht: Wir sind in Dandora, einem östlichen Vorort von Nairobi, in einer Stadt aus Müll. Knapp 2000 Tonnen Abfall werden hier täglich auf der gigantischen Dandora-Müllkippe entsorgt. Wegen des Elektroschrotts, der nachts verbrannt wird, sind die Menschen hier erheblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Langsam streift die Kamera durchs Innere der Deponie. Beim Zuschauen meint man, den Müllgestank riechen zu können. Zwischen Leuten, die versuchen, im gräulichen Schlamm und auf den haushohen Plastikbergen Wiederverwertbares aufzustöbern, waten menschengroße Marabu-Störche, vereinzelt auch Straßenhunde. 

Mensch und Tier, so scheint dieses gnadenlos ausgeleuchtete Bild einer Armutszone zu sagen, sind eins geworden: Sie sind das letzte Glied einer globalen Akkumulationskette. Wer noch immer das Leid anzweifelt, das der Markt den Unterprivilegierten abverlangt, könnte hier vom Gegenteil überzeugt werden: Selbst Müll wird da der Verwertungslogik unterworfen. „Die Epoche des Menschen – Das Anthropozän“ zeigt Plastik als „Technofossil“: Als menschengemachtes Restobjekt, das aus geologischen Aufzeichnungen inzwischen kaum mehr wegzudenken ist.

Der Film lebt von solchen Bildern. Bilder von Armut, von Elfenbeinhandel, Raubbau an der Natur, Umweltverschmutzung: Bilder, die – mal ästhetisch, mal erschütternd – die Logik herkömmlicher Naturdokus auf den Kopf stellen: Anstatt die ehrfurchtgebietende Schönheit von Landschaften und Tieren hervorzuheben, fängt er Szenen ein, in denen diese Schönheit gestört, bedroht oder gar ihrer Zukunft beraubt wurde.

Der titelgebende Begriff des „Anthropozäns“ geht auf die „Anthropocene Working Group“ zurück, ein Forschungsteam, das 2016 das Ende der holozänen Epoche der Erde ausrief. Ihnen zufolge befinden wir uns heute in einer neuen geologischen Episode: dem Anthropozän – einer Zeit, wo der Mensch die Erde stärker verändert als alle Naturprozesse des Planeten zusammen.

Der Begriffswandel entspringt dem Versuch, der Klimakatastrophe, die durch den jahrhundertelangen Missbrauch der Natur als Bühne des Fortschritts verursacht wurde, einen Rahmen zu geben, ihn gedanklich zu markieren. Der Anthropozän-Begriff ist nicht unumstritten: „Durch die Betonung des ‚Anthropos‘ und die etymologische Ignorierung anderer Arten stellt das Anthropozän sich selbst als bloßes Ergebnis der menschlichen Spezies dar“, kritisierte etwa die Denkerin Donna Haraway den Begriff. Das komplexe Ökosystem der Erde würde auf bloßes Buchhaltertum reduziert. Der Anthropozän-Begriff diene letztlich der Kapitalisierung des Planeten.

Die Motivation der Filmemacher Jennifer Baichwal, Nicholas de Pencier und Edward Burtynsky dagegen ist eindeutig: Ihr Film zementiert die These vom neuen Erdzeitalter als „filmische Meditation“, die die verheerenden Folgen all dessen aufzeigt. Die Kamera springt dafür von Kontinent zu Kontinent und legt das schier unvorstellbare Ausmaß der geologischen Störungen frei. Oft sind es scharf gestochene Drohnenaufnahmen, die durch den Zoom-Out-Effekt die Größenordnung der menschlichen Hybris zeigen – und dabei so wirken, als entstammten sie einem Science-Fiction-Epos.

Marmor-Steinbruch in Carrara, Italien
Quelle: Filmstill, "Die Epoche des Menschen"

Zu den eindrücklicheren Haltestellen des Films gehört etwa das sibirische Norilsk, wo das größte Stahlwerk der Erde steht und das wegen der Dauerproduktion von Palladium als einer der verschmutztesten Orte der Welt gilt. Dennoch feiern die Einwohner ihren vermeintlichen Wohlstand hier bei einem merkwürdigen Fest, das mit Bannern geschmückt ist, auf denen Slogans wie „Tag der glücklichen Metallurgie“ stehen. Man hat sich offenbar eingerichtet. Oder ein Steinbruch im italienischen Carrara, wo Marmor als Baumaterial abgebaut wird, auch um damit Kopien antiker Statuen zu schaffen. Die Kamera enthüllt die unwirkliche Weite der Felsformation, wo Bulldozer in krassem Kontrast zur Anmut der Statuen metergroße Steine aus der Erdwand brechen.

Giftige Lithium-Pools in der Atacama-Wüste in Chile, ohne die keine Smartphone-Batterie funktionieren würde, schillern von oben in wechselnden Farbmustern. Zwei Männer durchschiffen sie in dicken Schutzanzügen. Es ist eine Szene wie aus einem Tarkowski-Film, als würden sie einen fremden Planeten bereisen. Wie der Mensch sich die Erde zueigen macht, zeigen eindrücklich auch die Bilder aus Immerath im rheinischen Braunkohlerevier. Dieser Ort wurde, wie man hier sieht, für den Tagebau Garzweiler komplett abgerissen – einschließlich einer denkmalgeschützten Pfarrkirche aus dem 19. Jahrhundert.

Schaufelradbagger im rheinischen Braunkohlerevier
Quelle: Filmstill, "Die Epoche des Menschen"

Dem Bagger zuzusehen, wie er sich durch die Spitztürme der Kirche frisst, wird zur Metapher eines dystopischen Rigorismus, der den Film durchzieht. Die Botschaft könnte eindrücklicher kaum sein: In den Bestrebungen, die Welt zu kontrollieren, macht der Mensch nicht einmal vor sich selbst Halt. Wo einst ein Dorf stand, wird bald das größte Abbaugerät der Welt in Betrieb gehen. Und das tut es: Es ist ein mehrere hundert Meter langer, 12.000 Tonnen schwerer Schaufelradbagger, eine Realität gewordene Kleine-Jungs-Fantasie, der sich langsam, aber stetig durch die Bodenschichten Nordrhein-Westfalens gräbt: ein ungeheuerliches Bild.

Im Hintergrund wird der Film von einem moralisierenden Text begleitet, der einen etwa über die Auswirkungen der Entwaldung auf die Luftqualität aufklärt. Das lässt den Film teils zerrissen erscheinen, wie gefangen zwischen dem Wunsch, eine Botschaft zu vermitteln und den eher kryptischen, künstlerischen Zielen. In den meisten Szenen sprechen die Bilder für sich. Als Fürsprecher ökologischen Tatendrangs ist „Die Epoche des Menschen“ ein starkes und oft erschreckendes Zeitdokument.

Die Epoche des Menschen – Das Anthropozän, Kanada 2018, Regie: Jennifer Baichwal, Nicholas de Pencier, Edward Burtynsky, in Farbe, 87 Min, ab 10.9. im Kino.