Wenn es ihre Gesundheit erlaubt, kann Angela Merkel in 14 Jahren ihren 80. Geburtstag feiern. Doch sie wirkt anno 2034 erstaunlicherweise jünger als heute – jedenfalls in diesem Film. Die Ex-Bundeskanzlerin, gespielt von Martina Eitner-Acheampong, ist zu einem Prozess als Zeugin der Verteidigung geladen worden. Eigentlich aber sitzt sie selbst mit auf der Anklagebank. Denn der Internationale Gerichtshof aus Den Haag, der wegen der Überflutung Hollands nach Berlin verlegt werden musste, verhandelt die Klage von 31 Staaten des globalen Südens gegen Deutschland. Die Regierung wird auf die Zahlung von jährlich 60 Milliarden Euro verklagt, weil sie über Jahrzehnte die europäischen Klimavorgaben abgeschwächt, blockiert und zentrale UN-Rechte wie das Recht auf Leben verletzt habe, also mitschuldig am „Ökozid“ sei. Das Urteil gegen Deutschland soll einen Präzedenzfall schaffen: Denn größere Klimasünder wie die USA, Russland oder China hätten sich einem solchen Verfahren bis dahin verweigert.

Ursprünglich sollte das ARD-Filmprojekt als zentraler Film der Themenwoche „Wir wollen wir leben?“ eine dokumentarische Serie über den globalen Klimawandel werden. Doch Regisseur Andreas Veiel und seine Co-Autorin Jutta Doberstein ließen ihre recherchierten Faktenmengen unter dem Eindruck der aufwallenden „Fridays for Future“-Bewegung und des Hitzesommers 2018 in ein leicht futuristisches Justizdrama einfließen, das beide Seiten zu Gehör kommen lassen kann. Alle vorgetragenen Daten stammen aus der Zeit bis 2020, was beim Zuschauer den Schluss zulässt, dass alles, was danach entschieden wurde, keinen Einfluss mehr auf das Klima gehabt habe. Veiel, bekannt geworden mit preisgekrönten Dokumentationen wie „Die Überlebenden“, „Black Box BRD“ und „Der Kick“, ist schon seit längerem ein Grenzgänger zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem, im Film genauso zu Hause wie im Theater.

Auch „Ökozid“ wirkt wegen seiner kargen Not-Inszenierung eher wie ein Theaterstück – die deutlich reduzierten Dreharbeiten fanden im Juni dieses Jahres statt. Die in einem provisorischen Zelt abgehaltene Verhandlung erinnert eher an eine Bürgeranhörung zu Windrädern in der Uckermark als an einen Internationalen Gerichtshof. Dabei soll es hier um eines der bedeutendsten Verfahren der jüngeren Geschichte gehen, wie Ingo Zamperoni betont, der auch anno 2034 immer noch die ARD-„Tagesthemen“ moderiert.

Ärgerlicher ist, dass hier alle Seiten von Deutschen besetzt sind – selbst die Anklägerinnen des globalen Südens! Deren Vertreter bleiben Statisten, nur ein Mann aus Bangladesch kommt mal zu Wort und beklagt den Bau von Kohlekraftwerken mit deutscher Unterstützung. Aus der Furcht der ARD, dem Zuschauer Fremdsprachen und Untertitel zuzumuten, wird so eine selbstbezügliche Selbstanklage. Eine deutsche Öko-Aktivistin schwingt sich zur schneidigen Anklägerin auf, und so wie sie von Friederike Becht gespielt wird, wirkt sie leider unangenehm rechthaberisch, oft höhnisch. Dafür kann Ulrich Tukur als jovialer, charmanter Verteidiger der deutschen Umweltpolitik einige Sympathiepunkte sammeln – ob das so gewollt war? Den stärksten Eindruck hinterlassen aber immer noch die realen Dokumentarbilder und die TV-Ausschnitte, etwa wenn die Aussagen der damaligen Umweltministerin Angela Merkels auf früheren Klimagipfeln zitiert werden.

Die Verhandlung selbst bleibt ein zähes, sprödes Referieren. Basis des Drehbuchs war eine Doktorarbeit über den Einfluss deutscher Lobbyisten auf die Einführung des Emissionshandels, und so klingt es auch. Die Textmengen, so interessant sie im Detail auch sein mögen, erschlagen den Zuschauer. Dazu unterstellt die Anklage der deutschen Politik eine allzu große Gestaltungsmöglichkeit, hält Ex-Kanzlerin Merkel vor, sie habe es in der Hand gehabt, das Drei-Liter-Auto in Deutschland durchzusetzen. Dabei liegt Industriepolitik nicht nur in nationaler Hand und die Hinwendung der Käufer zu schweren SUVs ist kein rein deutsches Phänomen, sondern ein internationaler Trend.

Ebenfalls störend bleibt eine Nebenhandlung um einen windigen Social-Media-Operator (Sven Schelker), der mit falschen Zitaten Stimmung gegen die klagenden Öko-Aktivisten im ganzen Land machen soll. Tatsächlich behauptet der Film, dass die Ergebnisse der Verhandlung „bürgerkriegsähnliche Unruhen“ in Deutschland auslösen würden, liefert aber keine Belege und kaum Bilder dafür. Eine eindringliche, konkrete Dokumentation über den Klimawandel wäre die weit bessere Alternative geblieben – Beispiele dafür gibt es auf dieser ARD-Themenwoche mehr als genug.

Ökozid – Mi, 18.11., 20.15 Uhr, ARD