Einen Klimaroman zu schreiben, klingt einfallslos aber hitverdächtig. John von Düffels Roman „Der brennende See“ kann unseren Autoren dennnoch nicht überzeugen. (Symbolbild)
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BerlinEinen Klimaroman zu schreiben, gilt wohl als sichere Bank. Noch mehr Erfolg verspricht er, wenn er gar virulente Bewegungen wie die „Fridays for Future“-Proteste aufnimmt. Nun will man John von Düffel, der zu den vielfältigsten und experimentierfreudigsten Autoren unserer Epoche gehört, nicht unterstellen, sich mit seinem neuen Aufschlag „Der brennende See“ einfach an der Windrichtung zu orientieren, um dadurch in aller Munde und auf allen Verkaufstheken präsent zu sein. Doch ein wenig drängt sich der Eindruck bei diesem Werk auf, das zwar Erwartungen weckt, sie aber nicht einlöst.

Dass sich – buchstäblich – die Veränderung der Großwetterlage auch im individuellen Umfeld unseres Lebens bemerkbar macht, erfährt die Protagonistin Hannah, als sie in ihren Heimatort zurückkehrt. Überraschend teilt man ihr mit, dass ihr just verstorbener Vater sie vom Erbe ausgeschlossen hat. Erst die Nachforschung bei ihrer ehemals besten Freundin Vivien bringen langsam Licht ins Dunkel. Mehr und mehr rückt dabei der örtliche See in den Mittelpunkt der Recherchen, um dessen Erhalt private Kräfte und die jugendlichen Öko-Rebellen miteinander ringen.

Buchtipp

John von Düffel: Der brennende See. Roman. Dumont, Köln 2020. 320 S., 22 Euro.

Das Öffentliche erweist sich zunehmend als Teil des Privaten, wodurch auch die orientierungslose Heldin in den Sog der Politisierung gelangt. Auf den Straßen dominieren die Slogans: „Klimagerechtigkeit = Generationengerechtigkeit. Die Vernichtung der Zukunft findet statt mit jedem Tag, den sich die Gegenwart weiter an ihre überkommenen Privilegien klammert – auf Kosten der Restlaufzeit des Planeten.“

Eine biedere Rezeptur

Nun ja, neu sind solcherlei Botschaften nicht und einer literarischen Ambition, wie sie der 1966 in Göttingen geborene Autor etwa in seinen hochartistischen Büchern „Goethe ruft an“ (2011) und „KL. Gespräch über die Unsterblichkeit“ (2015) unter Beweis stellt, kaum angemessen. Geboten wird dem Leser eine biedere Rezeptur: Man nehme eine Handlung mit mehreren, sehr umständlichen Verwicklungen, füge noch emotionale Konflikte, mitunter um versteckte Affären, ein. Zuletzt wirft man noch Versatzstücke aus aktuellen Diskursen ins Gemenge und fertig ist der vermeintlich politische Roman der Gegenwart, der durchschlagende Text der Stunde.

Die boulevardeske Strategie des Autors wird mithin durch eine unzureichende Reflexion der Klimabewegung unterstrichen. Eine ausführlich beschriebene Protestszene vor dem Rathaus entpuppt sich als reiner Konflikt zwischen denen da oben und wir da unten, den Alten und den Jungen. Wo bleiben die ansonsten so wunderbar von John von Düffel entfalteten philosophischen Gespräche? Über unser Verhältnis zur Natur oder die Bedeutung des Wassers, dem liebsten und schon so oft von dem Schriftsteller bearbeiteten Motiv? Und worin besteht eigentlich das Hauptanliegen dieses Werks, das nicht weiß, ob es Zeitporträt, Familiengeschichte oder doch Bildungsroman sein will.

Wir wissen: sein Autor kann es um Äonen besser und hoffen einfach auf seinen nächsten Coup, dann wieder als Vordenker und nicht mehr als Hansdampf in allen Gassen.