Wo viel Budenzauber ist, entsteht auch viel Müll. Die Band Coldplay will das ändern.
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BerlinEs ist mehr als 50 Jahre her, dass sich der Musiker John B. Sebastian im grellen Batikanzug und völlig bekifft auf der Bühne in Woodstock postierte, ein paar Lieder sang und die Leute aufforderte, Spaß zu haben und anschließend bitte den Müll mitzunehmen. 

Richtig erfolgreich war er mit dem Appell nicht. Als Jahrzehnte später darüber spekuliert wurde, wo genau sich eigentlich der Popmythos zugetragen habe, gelang es erst mittels Bodenproben, den Ort des Geschehens zu lokalisieren. Yasgurs Farm war zwar wieder zur Wiese geworden, aber darunter befanden sich Unmengen von Blechdosen, Plastikflaschen und verrosteten Zeltstangen. Das berühmte Festival war auch eine schlimme Umweltsünde.

Live-Musik verbraucht viel Strom

Am immensen Verbrauch von Strom sowie den unliebsamen Hinterlassenschaften von Wegwerfbehältnissen, durchnässten Schlafsäcken und aus Mikroplastik bestehenden Behelfsbehausungen hat sich anlässlich der großen Pop- und Rockfestivals bis heute wenig geändert. Die Erben von Woodstock sind wie deren Vorfahren Kinder des Konsums, auch wenn damals schon gegen atomare Rüstung und Umweltzerstörung opponiert und in vielen Songs darüber gesungen wurde.

Die Botschaft von Greta Thunberg aber hat längst auch die Musikindustrie erreicht, und die von Jacob Bilabel ins Leben gerufene Green Music Initiative will mit kleinen Schritten zu etwas Großem beitragen. Die Musikbranche habe, so Bilabel, „durch ihren Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung eine große Mitverantwortung bei der Erreichung der vereinbarten CO2-Reduktionsziele.“ Also dient sich die Initiative als Plattform zur Förderung einer klimaverträglichen Musik- und Entertainmentbranche an. Dabei gehe es zunächst einmal darum, sich des enormen Energieverbrauchs bewusst zu werden, den insbesondere Festivals verursachen. Über die Müllbeseitigung hinaus stehen Strategien auf dem Programm, die Megaevents, die innerhalb weniger Tage den Bedarf einer deutschen Mittelstadt beanspruchen, klimaneutral zu versorgen.

Anschließend wird saubergemacht

Wie das aussehen kann, versucht das legendäre Metal-Open-Air im schleswig-holsteinischen Wacken seit einigen Jahren vorzumachen. Zusammen mit der Firma GP Joule, einem Anbieter für integrierte Lösungen aus Sonne, Wind und Biomasse, hat man sich das Ziel gesetzt, in naher Zukunft vollständige Klimaneutralität herzustellen – Headbanging for Future gewissermaßen. Wacken ist damit kein Solitär. Das Festival im dänischen Roskilde, das bereits zwei Jahre nach Woodstock als bis heute größtes europäisches Rockfestival von der kleinen Gemeinde bei Kopenhagen ins Leben gerufen wurde, wird seit einigen Jahren von der Green-Footstep-Kampagne begleitet und setzt dabei auf Reduktions- und Vermeidungsstrategien.

Natürlich kommt es in Roskilde immer noch darauf an, die großen Rock’n’Roll-Gefühle zu entfachen, aber die örtlichen Jugend- und Sportvereine wachen darüber, dass hinterher saubergemacht wird. Ein ganz anderes Kaliber zur Disziplinierung der Popmassen hat unlängst die britische Band Coldplay aufgelegt. Mit Erscheinen ihres neuen Albums „Everyday Life“ verkündete Sänger Chris Martin, vorerst nicht auf Tournee zu gehen. „Wir nehmen uns ein bis zwei Jahre Zeit“, so Martin „um herauszufinden, wie unsere Tour nicht nur nachhaltig, sondern auch aktiv von Nutzen sein kann.“

Spötter indes befanden, es sei der bislang größte Erfolg der Friday-for-Future-Bewegung, weitere Stadionkonzerte von Coldplay vorerst verhindert zu haben. Jacob Bilabel will das alles nicht als gefälliges Marketing missverstanden wissen. Natürlich sei es noch immer besser, gemeinsam Musik zu hören als allein. Damit spielt er auch darauf an, dass Mediennutzer immer häufiger mit der belastenden Tatsache traktiert werden, dass gerade das Streaming von Musik und Filmen sehr viel Energie verbraucht.

Das Versprechen auf Pop-Parität

Einen ganz anderen Regulierungsbedarf meldet unterdessen die Initiative Key Change an. Unter dem Begriff, der wörtlich übersetzt eine grundsätzliche Veränderung im Auge hat, beabsichtigt die internationale PRS Foundation einen signifikanten Wandel in der Musikindustrie. Bis 2022 etwa soll sichergestellt werden, dass die Lineups großer Festivals spätestens in zwei Jahren paritätisch besetzt sind. Trotz extrem erfolgreicher weiblicher Popstars wie Taylor Swift oder Billie Eilish sind Festivals, über die in der Branche nach dem Niedergang der Tonträgerindustrie ein Großteil der Einnahmen erzielt werden, noch immer eine Männerdomäne.

Die PRS Foundation gibt es seit 20 Jahren, und man ist stolz darauf, bereits viele Mitstreiter für das Anliegen gewonnen zu haben. Grundsätzlich sind auch die Veranstalter nicht abgeneigt, Geschlechtergerechtigkeit auf der Bühne schnell zu verwirklichen. Die in Umweltfragen proper aufgestellten Macher von Roskilde aber haben bereits ihr Bedauern geäußert, nicht fristgerecht bis 2022 liefern zu können. Und so wird das Versprechen auf Pop-Parität vorerst unerfüllt bleiben. Die Bedürfnisse nach klanglicher Vielfalt, emotionaler Rührung, körperlicher und geistiger Entgrenzung werden auch weiterhin von männlichem Showpersonal dominiert. Aber immerhin hinterlassen sie jetzt weniger Dreck.