Es gibt Menschen, die haben sie einfach: Aura. Schon während ich das hinschreibe, ist es mir ein bisschen arg. Darüber spricht man eigentlich nicht. Sobald es da steht, wird sie brüchig. Wie ein Witz, den man erklären muss. Oder ein gelüftetes Geheimnis. Aber es stimmt schon − Leander Haußmann war einer der Gründe, warum ich Theater machen wollte. Seine „Romeo und Julia“ Inszenierung 1993 in München. Sein „Sommernachtstraum“ in der Felsenreitschule 1997, wo wir als Regieklasse der „Ernst Busch“ fast groupie-mäßig angereist sind, um zu verstehen, wie man einem Text aus längst vergangener Zeit heutige Leidenschaft einhaucht. Huch, da ist es wieder: Aura. Der Hauch der echten Präsenz.

Das passt, als ich nach über zwanzig Jahren und vier Stunden Kolumnenspionage nach der Theaterprobe zu „Woyzeck“ dem Regisseur Haußmann im Hof des Berliner Ensembles gegenübersitze und er vom Kreis zu reden anfängt.

Ich stocke noch: Drehbühne? Nein! Viel mehr! Der Kreis sei der wahre Sinn des Spruchs von den Brettern, die die Welt bedeuten! Alles sei eins! Aha. Ich ahne, was gemeint ist. Dennoch verliere ich gerade den Anschluss. So ist das mit der Bewunderung. Besser man schweigt und genießt. Das Dilemma: Gerade noch hat sein Woyzeck über Krieg und Frieden, Tod und Liebe verhandelt. Die Schauspieler und auch Techniker − alle triefen von echtem Schweiß, künstlichem Blut und noch nicht geweinten Tränen. Und wir sollen jetzt hier in der zugigen Öffentlichkeit ein wenig basteln?

Es fängt damit an, dass Haußmann etwas über meinen Eindruck zur Probe wissen will. Zwar fragt er nicht, aber ich spüre das. Ich aber finde noch keine Worte für die gerade gesehenen Bilder, schließlich bin ich kein Kritiker. Das irre Bild noch vor mir, wie Jesus und einer wie Mohammed miteinander ringen. Oh mein Gott. Ich fand es spannend. Poltert es aus mir raus und Haußmann schmeißt sich über den Tisch. Spannend? Das sei schlimm, spannend! Gerade so, als hätte ich gesagt: eine Katastrophe. Genauso schlimm sei es, von Kreativität zu sprechen. Das, was er hier tut, sei nicht „kreativ“. Es sei Handwerk, vielleicht.

Keine Berührungsängste

Oder Basteln? Morgens war ich mit einem Beutel voller Arbeitsmaterial angerückt, Pappe, Kleber, Cutter, weil Haußmann mal vorgeschlagen hatte, er könne einen Altar anfertigen. Ich war zu allem bereit, auch zur neuen Idee, vielleicht doch lieber etwas mit Fimo zu produzieren. Daher bin ich in der Probenpause noch mal schnell in den Bastelshop und leider nur mit Knete und Ton wieder herausgekommen. Würde das zarte Vorhaben scheitern? Aber Haußmann öffnet schon die Verpackung. Er ist schließlich der Großneffe von Meret Oppenheim und zeigt keine Berührungsängste mit dem Material. Er sagt sogar, dass sich das schön anfühlt. Und ich merke, dass sich meine Gesichtsfarbe leicht verändert. Ehrlich, ich bin verwundert. Er, der oft als Spaßrebell verschrien und von der Kritik niedergeschrieben wurde, sitzt voller Konzentration da und knetet. Kurz fragt er, ob ich ihm ein Thema geben wolle, ein kopulierendes Paar eventuell? Natürlich nur als Witz.

Haußmann erklärt, dass er schlicht schauen werde, was ihm das Material vorgibt. Wie bei der Arbeit mit dem Schauspieler, den er auch nur zu einem besseren machen wolle. Von der Form zum Inhalt. Sofort blättert sich meine Erinnerung an Regieseminare auf, wo wir Stanislawski gepaukt und Benjamin inhaliert haben, der ja vom Verlust der Aura sprach. Vielleicht liegt es daran, dass wir, während Haußmann modelliert, kaum sprechen − außer über den Mut, immer wieder etwas zu wagen, was erst keinen großen Sinn hat. Darum gehe es doch meist im Leben und in der Kunst. Ausprobieren und beobachten, was geschieht.

So entsteht vor uns ein wollüstiger Frauenleib, der anfangs noch die Beine öffnet und sie dann, ob der Stabilität, lieber wieder schließt. Aus dem lustvoll geöffneten Mund schleicht sich ein Gähnen. Fertig, beschließt er, kippt zum Test einen Becher Wasser drüber. Der eine Arm muss noch ab, weil unfertig besser ist. Und deshalb lass ich den letzten Satz weg.