Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 schien manchem ein Wendepunkt in der von Klüngelei geprägten Stadtgeschichte zu sein. Von einem Trauma wurde gesprochen. Man fand ein überzeugendes Konzept für den Neubau des Archivs, es sollte zusammengelegt werden mit dem Rheinischen Bildarchiv und der seit Jahrzehnten um Platz ringenden Kunst- und Museumsbibliothek. Und mit dem Entwurf von Waechter & Waechter wurde ein angemessen nüchterner Bau versprochen. 2010 noch sagte der Stadtrat alle Unterstützung zu.

Vorgestern Abend aber entschied selbiger Stadtrat mit den Stimmen von SPD und Grünen gegen die CDU, die FDP und die Linke, dass das Projekt zu groß und zu teuer sei. Vor allem soll die Kunstbibliothek nicht mehr einziehen und der Entwurf „überarbeitet“ werden. Selbst die Pressemitteilung des Archivs, das, weil der Stadtverwaltung direkt unterstellt, nicht offen sprechen darf, zeigt die Imponderabilien. Um den neuen, aus nicht erklärten Gründen bei 76,3 Millionen Euro eingezogenen Kostendeckel zu halten, soll die Stadtverwaltung prüfen, ob der Vortrags- und selbst der Ausstellungsraum ohne Klimaanlage gebaut werden können; damit wäre aber künftig jede Ausstellung, die kostbarere Objekte präsentiert, unmöglich.

Die Klage künftiger Stadträte, dass das Archiv zu wenig populär sei, ist vorauszusehen. Was die Umarbeitung des weitgehend baureifen Entwurfs, die Verzögerung der Bauausführung, die weitere Außenlagerung von Materialien kosten wird, ist unklar. Behauptet wird, die Kosten seien geringer als die Einsparungen – aber wie viel geringer, teilen SPD und Grüne nicht mit. Unklar ist damit auch, was von der behaupteten Einsparung von 21,6 Millionen Euro übrig bleiben wird.

Ebenfalls unklar ist, wann denn nun die Kunst- und Museumsbibliothek endlich die Unterbringung in drei Standorten überwinden kann. Sie ist eine der ganz großen deutschen Sammlungen zur Kunstgeschichte, mit Schwerpunkten in der rheinischen und der modernen Kunst. Sonderförderungen des Bundes sind an diese Funktion gebunden. Nun soll die vom Land getragene Universität einspringen, sagt der Kölner Stadtrat. Aber auch die Universität steht vor gewaltigen Bauinvestitionen, etwa für die Sanierung der künstlerisch wunderbaren, aber maroden Hauptbibliothek. Wie und wo soll da eine neue Kunstbibliothek unterkommen? Wer soll sie bezahlen?

Nun findet man die Haltung des unkalkuliert teuren „Verschieben statt machen“ auch etwa im Berliner Abgeordnetenhaus, wir erinnern an den Abbruch der Planungen für die Erweiterung des Märkischen Museums vor einem Jahr. Doch in Köln gibt es noch einen weiteren Aspekt: Die Entscheidung gegen die Kunstbibliothek wird die Kunststadt Köln noch mehr schwächen in der harten Konkurrenz mit Berlin und München. Auch deswegen haben so ziemlich alle Fachverbände protestiert. Der rot-grüne Stadtrat behandelt das Stadtarchiv und die Kunstbibliothek wie eine kleinkommunale Angelegenheit – und verfällt in genau die populistische Schlamperei, die schon zum Einsturz des Archivs geführt hat.