Kölner „Tatort“: Schlinge des Mörders

Es gibt unendlich viele Fernsehkrimis. Und schaut man sich auch nur einen Bruchteil von ihnen an, verfestigt sich schnell der Eindruck: Gemordet wird nur noch, damit es etwas zu ermitteln gibt. Ermittelt wird eher pflichtschuldig, denn am Ende muss ja eine Lösung her. Und eine Lösung braucht es unbedingt, damit der Zuschauer den Fernseher mit dem Gefühl ausschalten kann, dass Verbrechen sich doch nicht lohnt und die Gerechtigkeit wieder hergestellt wurde, und sei es auch nur in der Fiktion. Also schaut er das nächste Mal wieder zu; hanebüchene Plots, zermürbende Langeweile und fehlende Dringlichkeit werden billigend in Kauf genommen.

Dass es durchaus riskant ist, aus dieser Routine auszubrechen, haben die Macher des Köln-„Tatorts“ schon lange vor der Ausstrahlung der Folge „Franziska“ heute Abend feststellen müssen: Aus Gründen des Jugendschutzes wird sie erst um 22 Uhr gezeigt. Das hat es in der langen Geschichte der ARD-Krimireihe noch nie gegeben. Einerseits ist so etwas eine Spitzenreklame. Andererseits ist 20.15 Uhr nun mal der deutlich bessere Sendeplatz. Eine Verschiebung hat den Ruch einer Verbannung. Ist sie gerechtfertigt?

Ein Thriller mit den Mitteln eines Kammerspiels

„Franziska“ beginnt mit mehreren parallel erzählten Handlungssträngen. Die Kölner Rechtsmedizin nimmt zwei einbetonierte Leichen aus einem Abbruchhaus in Empfang (erinnert eher abstrakt an gemeuchelte menschliche Körper), in einem Gefängnis scheint ein Häftling etwas Illegales zu planen, man ahnt, das nimmt kein gutes Ende. Zeitgleich betritt Franziska – Assistentin der Kommissare Ballauf und Schenk – das Gefängnis, in ihrer Funktion als Bewährungshelferin des Mörders und Vergewaltigers Daniel Kehl, der bald entlassen werden soll. Ein Mord geschieht. Kehl weiß, dass er verdächtigt werden wird. Kurzerhand nimmt er Franziska als Geisel, bedroht sie mit einem Messer, legt ihr einen Kabelbinder um den Hals, erst lose, dann immer straffer und straffer.

Franziska wird sterben, wenn Kehl das Gefängnis nicht verlassen darf. Das SEK rückt an, Ballauf und Schenk versuchen herauszufinden, was wirklich vor der Geiselnahme geschah: Können sie Kehls Unschuld beweisen, ist Franziska gerettet. Selten waren „Tatort“-Ermittlungen dringlicher, die Atmosphäre ist beklemmend, die Erzählweise schnell. Der Regisseur Dror Zavahi packt die Zuschauer umstandslos am Wickel und sieht überhaupt nicht ein, warum er den Griff auch nur eine Minute lockern sollte. „Franziska“ ist ein Thriller mit den Mitteln des Kammerspiels, innerhalb des Besuchsraums gibt es nur Franziska und den Mörder Kehl, ein hoffnungsloses Duell, geführt mit Gewalt und mit Worten, ein schrecklicher Laborversuch zum Thema Macht, glänzend gespielt von Tessa Mittelstaedt und Hinnerk Schönemann.

Keine Frage, das geht an die Nieren. Das hat nichts von der gemütlichen Pflichtschuldigkeit der meisten anderen „Tatorte“, die dem Publikum zum Finale die Erlösung schenken. Sicher, es gab Ausnahmen, „Das Böse“ etwa mit Andrea Sawatzki als Hauptkommissarin Sänger, die am Ende des Films erfahren muss, dass der psychopathische Mörder auch ihre Eltern umgebracht hat, als Zeichen seiner wahrhaft wahnhaften Verehrung. Ähnlich Verstörendes gelang mit der Folge „Borowski und der stille Gast“, Flucht des irren Meuchlers inklusive. Beide Filme wurden jedoch zur üblichen Sendezeit ausgestrahlt. Das ist es einleuchtend, dass der Regisseur und auch die Schauspieler von „Franziska“ die Welt nicht mehr verstehen, zumal Gewalt im deutschen Fernsehprogramm nun wirklich kein selten gesichtetes Randphänomen ist.

Man muss nicht alles durchwinken, nur weil die anderen das auch so machen. Dass der WDR sich ausgerechnet bei einem Köln-„Tatort“ so konsequent zeigt, ist auf eine gewisse Weise sogar folgerichtig. Die Fälle von Ballauf und Schenk sind bekannt dafür, dass sie ein Anliegen haben, dass sie Publikum mit in die Sonntagnacht geben wollen. Das haben die Zuschauer mittlerweile so internalisiert, dass ein Journalist nach der Vorabsichtung von „Franziska“ verwirrt nach der Botschaft dieses „Tatorts“ fahndete. Dieser Krimi hat aber keine. Um das Wohl der Welt kümmert sich der WDR dieses Mal auf eine andere Weise, verweist auf die sehr hohe Spannung des Films und die Verpflichtung gegenüber dem Publikum.

Man muss das nicht lächerlich finden. Letztlich erscheint es wie eine Entschuldigung, dass dieses Mal ein sehr spannenden Krimi gedreht wurde. Das ist normalerweise nicht so, deshalb geht 20.15 Uhr in der Regel völlig in Ordnung. „Da die durchgängige (An)Spannung nicht durch Schnitte im Film hätte verringert werden können und wir die künstlerische Integrität des Films nicht beschädigen wollten, haben wir uns für diese Ausnahme entschieden, den Film erst um 22 Uhr auszustrahlen“, schreibt Gebhard Henke, Leiter WDR Programmbereich Fernsehfilm, Kino und Serie, und betont noch einmal: „,Franziska’“ bleibt eine Ausnahme am Sonntagabend im Ersten.“

Zurück zur Routine also. Wie schade.