Das Lieblingsbuch der Deutschen ist „Der Herr der Ringe“, und einen Kaffee würden sie am liebsten mit dem Dalai Lama trinken. Das sind zwei Ergebnisse von Umfragen, die der Regisseur und Drehbuchautor David Dietl in seinem Film „König von Deutschland“ zwar zitiert, deren Aussage er aber entweder nicht versteht oder bewusst ignoriert. Denn im Film scheint es so, als läsen die Deutschen immer noch am liebsten Konsalik und hätten als Lebenstraum, einmal den Papst zu treffen.

Der Titelheld Thomas Müller lebt mit Frau und Sohn in einer Reihenhaussiedlung. Im Einbauschrank steht der Brockhaus, an der tapezierten Wand hängt ein Setzkasten, und auf den Echtholzfurniermöbeln verstauben Zimmerpalmen. In seiner Freizeit setzt Müller Puzzle zusammen oder widmet sich der Modelleisenbahn. Sein Traum: ein Eigenheim auf der grünen Wiese.

Die Verwirklichung rückt in weite Ferne, als er ohne eigenes Verschulden seinen Job verliert. Auf einer Staumauer denkt der Mittfünfziger darüber nach, sich in den Tod zu stürzen. Doch wie durch göttliche Fügung erscheint ein Fremder, der ihm einen neuen Job anbietet. Müller bekommt ein großes Büro und darf ständig mit seinem Yuppie-Chef einkaufen gehen. Doch irgendwann fragt er sich: Womit verdiene ich hier eigentlich mein Geld?

Versuchskaninchen

Der Zuschauer ahnt es bereits: mit seiner allumfassenden Durchschnittlichkeit. Müller „arbeitet“ als Versuchskaninchen eines Marktforschungsunternehmens. Jede seiner Regungen wird ausgespäht, um den Geschmack der Massen zu erfassen und die Ergebnisse gewinnbringend an Konsumgüterfirmen und sogar Parteien zu verkaufen.

Olli Dittrich spielt Müller phlegmatisch mit hängenden Schultern, ein deutscher Michel, wie er eigentlich seit dem Ende der Ära Kohl nicht mehr repräsentativ ist. Vom aktuellen Wutbürger könnte er jedenfalls nicht weiter entfernt sein. David Dietl ist der Sohn des „Kir Royal“-Regisseurs Helmut Dietl und stand offenbar vor einem Problem: Wie soll man eine Gesellschaftssatire drehen über eine Gesellschaft, die längst im „Mainstream der Minderheiten“ aufgegangen ist, in der Tattoo und Thailand-Urlaub genauso zum Alltag gehören wie Bausparvertrag und Bundesliga? Eine Gesellschaft, in der niemand mehr „normal“ sein, aber auch niemand wirklich aussteigen will.

Statt sich in seinem Film mit dieser hoch spannenden Frage auseinanderzusetzen, macht David Dietl es sich einfach: Er setzt die Scheuklappen auf und imaginiert ein Durchschnittsdeutschland, das von Wirtschaftswunderzeiten an bis heute scheinbar ungebrochen fortbestanden hat. Aber eine Gesellschaftssatire, die den Zeitgeist nicht aufspießt, hat ihr Thema verfehlt.

Spätestens seit den Enthüllungen Edward Snowdens wirkt auch Dietls Überwachungsszenario arg gestrig und harmlos. In Zeiten von „big data“ ist die Suche nach einem einzelnen repräsentativen „König von Deutschland“ unnötig. Die Mehrheit der Deutschen gibt schließlich im Internet längst – mehr oder weniger – freiwillig auch die privatesten Details ihrer Vorlieben und Wünsche preis.

König von Deutschland Dtl. 2013. Buch & Regie: David Dietl, Kamera: Felix Novo de Oliviera, Darsteller: Olli Dittrich, Veronica Ferres, Wanja Mues u. a.; 97 Minuten, Farbe. FSK o.. A.