Man kann Rio Reisers Zauber schon ganz am Anfang spüren. 1970 erschien „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, die erste Single von Ton Steine Scherben. „Macht kaputt“ steht natürlich wie kein anderer Titel für die spontanradikale BRD-Subkultur der späten Sechziger und frühen Siebziger: „Radios laufen, Platten laufen, TVs laufen, Reisen kaufen, Autos kaufen, Möbel kaufen – wofür? Macht kaputt, was euch kaputt macht“, schreit Reiser heiser, während die Band einen fiesen, bedrohlichen Gitarrenkringel zu einem marschartigen Beat wiederholt. Man kann hier das sloganistische Geschick bewundern und die musikalisch raue, punkige Entschlossenheit des Titels. Aber die Wucht steckt allein im kleinen „wofür“, das er wund, zornig, höhnisch und zugleich mit seltsam glamouröser Leidenschaft singt: Ein Star ist geboren.

So cool klang Widerstand auf Deutsch nie mehr

Reiser, mit bürgerlichen Namen Ralph Christian Möbius war damals 20, aber schon ein paar Jahre lang unterwegs. Nach einer von ständigen Umzügen geprägten Kindheit bricht er die Schule ab und gründet 1966 in der hessischen Provinz mit RPS Lanrue seine erste Band. Mit ihm kehrt der gebürtige Berliner nach Berlin zurück, mit dem Bassisten Kai Sichtermann und dem Drummer Wolfgang Seidel gründen sie die Scherben.

Aus der Kommune am Tempelhofer Ufer lieferten sie den Soundtrack und die Parolen zur Kreuzberger Revolte, besangen Hausbesetzungen, feierten das Schwarzfahren und hassten ganz allgemein das System. Das Pathos dieser Politik, sollte man sagen, kann man heute eher schwer nachvollziehen, aber so unmittelbar wie in „Der Kampf geht weiter“, „Keine Macht für Niemand“ oder „Allein machen sie dich ein“ klang Widerstand auf Deutsch nie mehr. Noch immer beeindruckt die Sexyness, mit der Reiser gegen Unterdrückung und Ausbeutung aufheult – cool, selbst wenn die Augen vom Tränengas schmerzen.

Reiser arbeitete Schulden ab, weil sich die Band nicht an die Industrie verkaufen wollte

Dass er nicht nur vom politischen Umsturz träumte, zeigen die paar Liebeslieder der Scherben – ein bisschen unbeholfen und kitschig, aber eindrucksvoll durch Reisers Gesang. Dem ordentlichen Linksrevolutionär wiederum galten Liebe und Sinnlichkeit eher als Nebenwiderspruch, und das homosexuelle Begehren, zu dem er offen stand, fand im Diskurs nicht statt oder wurde abgelehnt. Reiser und die Scherben zogen sich Mitte der Siebziger vor den Begehrlichkeiten der Szene auf ihren Bauernhof im schleswigschen Fresenhagen zurück.

Nach einem recht privaten Album nahm die Band eine Auszeit, in der Reiser mit dem schwulen Theater Brühwarm arbeitete und auch ein paar Filmrollen übernahm. 1980 erschien das vierte Scherben-Album „IV“, dessen Tour die Band ins finanzielle Aus brachte. Da die anderen sich nicht an die Industrie verkaufen wollten, musste Reiser die sechsstelligen Schulden als Solist abarbeiten. Wobei er sowieso das unbestrittene Gravitationszentrum der Band war. Ich habe kaum jemals einen derart charismatischen Sänger erlebt wie ihn auf jener Tour. Umso enttäuschender wirkten damals seine erfolgreichen Lieder mit den fürchterlichen Arrangements – auch weil zeitgleich Bands wie die Fehlfarben mit dem gelehrigsten Reiser-Schüler Peter Hein zeigten, dass es auch auf deutsch zwischen Agitprop und Schlager viel Raum gab.

Musikalischer Bezugspunkt unzähliger deutscher Künstler

Bis zu seinem Tod mit nur 46 Jahren veröffentlichte Reiser immerhin sechs Solo-Alben. Und während die Scherben-Slogans als Graffiti weiterleben, begründen vor allem seine Spätwerke wie „Junimond“, „Für immer und dich“ und natürlich „König von Deutschland“ Reisers Nachruhm. Zum 20. Todestag erscheinen sie gerade unter dem Titel „Alles und noch viel mehr“ neu gesammelt und gerahmt von ein paar Fremdinterpretationen.

Jeden deutschsprachigen Sänger zwischen Grönemeyer und Blixa Bargeld hat er beeinflusst: Rio Reiser konnte einem, wie Bargeld vor 20 Jahren in einem schönen Nachruf schrieb, mit einer kleinen Gesangsgeste Schauer über den Rücken jagen. So wie er hat das nie wieder jemand gekonnt.

Buch: Gert Möbius: Halt dich an deiner Liebe fest. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 304 S., 22,95 Euro.

Veranstaltungen am Sonnabend, 20.8.: 14 Uhr, Alter St. Matthäus Friedhof, Lieder und Lesung mit zwei Mitgliedern von Ton Steine Scherben und Gästen; 20 Uhr, Heimathafen Neukölln, Konzert mit Olli Schulz, Marianne Rosenberg u.a.