Zwei Königskinder wie aus dem Bilderbuch: Der Tenor Daniel Behle und die amerikanische Sopranistin Amanda Majeski geben an der Oper Frankfurt das Paar in Engelbert Humperdincks Oper „Königskinder“. Das Werk ist unbekannter als der Hit „Hänsel und Gretel“ – und viel hochkarätiger.

Es heißt, „Hänsel und Gretel“ sei eine Märchenoper für Kinder, ein Märchen für Erwachsene dagegen sei Humperdincks weit seltener gespielte Oper „Königskinder“. Sind Sie beide da mehr Kind oder mehr erwachsen?

Daniel Behle: Ich versuche alles mit größtmöglicher Zuversicht zu nehmen. Diese gewisse kindliche Naivität möchte ich mir schon bewahren. Die „Königskinder“ sind großartige Musik. Wie Humperdinck Stimmungen modelliert, bereitet uns allen große Freude. Sängerisch und gestalterisch. Für einen Erwachsenen ist „Königskinder“ sicher vielschichtiger und damit interessanter.

Amanda Majeski: Ich denke, ich bin mal klein, mal groß, je nach Situation. Ich liebe auch „Hänsel und Gretel“, es war eine meiner ersten Opern, bei der ich im Jungen Ensemble von St. Louis mitgewirkt habe – in der stummen Rolle des Engels. Ich musste nur weihevoll meine Arme ausbreiten. Aber mehr noch liebe ich „Königskinder“, denn darin gibt es eine echte Romanze. Wie Daniel schon sagte: Diese Oper ist so vielschichtig!

Daniel Behle: Ja, Humperdinck variiert ständig . Zehn Sekunden engelsgleich, dann kommen die tiefen Bläser und alles wird todernst.

In Deutschland gilt „Hänsel und Gretel“ als die typische Einstiegsoper für Kinder. Ist das in den USA ähnlich?

Majeski: Es ist generell schwieriger für amerikanische Kinder, in Kontakt mit Oper zu kommen. Man muss schon sehr aktive Eltern und Lehrer haben. Ich zum Beispiel sah meine erste Oper mit 18 – und das war Benjamin Brittens „Billy Budd“. Auch die ist sehr geeignet.

Mozart sei ein Zentrum Ihrer musikalischen Welt, das haben Sie beide einmal gesagt …

Majeski: Naja, in meinem Fall hat der Interviewer das mir in den Mund gelegt. Mozart sei mein Brot-und-Butter-Komponist, war seine Formulierung. Aber darauf werde ich immer angesprochen.

Behle: Du bist ja schon länger nicht mehr so auf den Mozart-Stil fokussiert und warst schon im schwereren Fach unterwegs ...

Majeski: Stimmt.

Behle: … aber für mich ist „Königskinder“ eine neue, große Sache. Bei der ich überprüfen muss: Ist meine Stimme groß genug für das volle Orchester? Doch es ist eine notwendige Entwicklung. Ich bin 37, es wird Zeit für neues Repertoire. Bald kommt mein erster „Idomeneo“, dann viel Strauss. Der Königssohn jetzt ist ein großes Geschenk des Intendanten Bernd Loebe und eine Reaktion darauf, dass ich die Partie des Leukippos in der Frankfurter Strauss-„Daphne“ so gut hinbekommen habe. Das ist ja das Spannende an diesem Beruf: Wir haben für jedes Alter unsere Rollen. Und vielleicht mündet das eines Tages in Wagner. Oder auch nicht.

Da sind Sie, Frau Majeski, ja fast schon angekommen.

Majeski: Ja, im Januar werde ich die „Meistersinger“ in Chicago singen. Die „Königskinder“ jetzt sind da schon recht nah dran.

Behle: Humperdinck ist ja auch Wagners Assistent gewesen. In meiner Königssohn-Partie geht es auf einigen Seiten schon richtig Siegfried-mäßig zur Sache. Doch eben nie so lange wie bei Wagner. In diesem, wie man heute sagt, „jugendlich-dramatischen“ Fach wird der Heldentenor kurz angetestet, danach darf man sich gleich wieder erholen.

Majeski: Wir jungen Sänger brauchen die Ruhephasen. Zu viel Druck über eine zu lange Zeit halten junge Stimmen einfach nicht aus. Das macht „Königskinder“ so wertvoll: Der Wechsel zwischen vollem Orchester-Sound und diesen zarten Ruhemomenten.

Sie beide haben ja auch immer ein Bein in der Barockmusik. Doch klingt das ganz anders als noch vor 20 Jahren. Gar nicht mehr nach dem Ideal von Emma Kirkby, nicht mehr so linear …

Behle: … und etwas farblos.

Majeski: In der Barockmusik kann man nicht genug Emotionen zeigen. Wobei wir natürlich die Technik haben, leicht und vibratolos zu singen, wo es angebracht ist.

Behle: Früher waren das ja getrennte Welten. Für Barockopern wurden leichte Stimmen gecastet, so hat sich eine Hörgewohnheit etabliert. Ich glaube aber nicht, dass diese Musik verbietet, ein gestütztes Forte zu singen. Mir persönlich gefällt der Klang eines Sängers besser, wenn er über ein kräftiges Forte verfügt – auch wenn er das gar nicht aussingen möchte. Man hört der Stimme an, dass sie die Potenz hat.

Frau Majeski, 2010 sangen Sie in New York Frankfurts Intendant Loebe vor, als der auf der Suche nach Talenten war. Wollten Sie gezielt nach Deutschland?

Majeski: Ehrlich gesagt war ich mir nicht so sicher. Ich war in Chicago ganz zufrieden, hatte Haus und Familie dort. Aber es waren fantastische Angebote aus Dresden und Frankfurt. Deutschland ist das Gelobte Land für Opernsänger: Die Bedingungen sind großartig, das Publikum herzlich.

Auch Sie, Herr Behle, haben von Herrn Loebes Stimmkennerschaft profitiert. Sie starteten von hier aus eine große Karriere – so wie vor Ihnen etliche andere von Elina Garanca über Diana Damrau bis Zeljko Lucic. Was macht das Sprungbrett Frankfurt so elastisch?

Behle: Sie haben Recht. Bernd Loebes Meinung hat Gewicht und wird nicht nur unter Sängern geschätzt. Er hat guten Geschmack und sucht sich auch mal nicht fertige Stimmen aus. Frankfurt bietet aber auch ein internationales Portal, das wir Sänger brauchen, um wahrgenommen zu werden.

Begleiten Sie mich noch kurz zurück in Ihre jeweilige Vergangenheit. Dass der Tenor Behle zuerst Posaune und Komposition studierte, dürfte ja bekannt sein …

Majeski: Oh wirklich? Im College musste ich auch mal eine Posaune ausprobieren, aber ich habe keinen Ton herausgebracht. Mir fehlte komplett der Ansatz. Respekt!

Aber auch für Sie habe ich ein Stück Vergangenheit entdecken können, ein Video von 1999 auf Youtube, wo Sie auf einem High School Cabaret Concert recht professionell Stepp-Tanzen.

Majeski: Oje! Dieses Video ist wahrlich kein Highlight meiner Tap-Dance-Karriere. Ich tanzte in einer Company, gab das dann aber zugunsten des Singens auf.

Hat noch nie ein Opernregisseur dieses Talent genutzt?

Majeski: Nein, bis jetzt noch nicht.

Behle: „Die steppenden Königskinder“, das wäre doch was!

Herr Behle, bisher wurden Sie in diesem Interview nicht auf Ihre Mutter angesprochen. Immerhin hat die Wagner- und Strauss-Sängerin Renate Behle ihren damals 24-jährigen Sohn auf die Idee gebracht, zu singen. Was, so ihr Kommentar, in der Mittellage klang wie bei einem blökenden Schaf. Wie wurde aus dem Schaf ein Tenor, der mit Fritz Wunderlich verglichen wird?

Behle: Als ich mit 24 zum ersten Mal versucht habe „klassisch“ einen Ton, ohne Instrument, zu produzieren, war ich ganz am Anfang. In den ersten drei, vier Jahren hatte ich fast täglich bei Renate Unterricht, so dass mein später Start nicht von Nachteil war.

Das Gespräch führte Stefan Schickhaus.