Berlin - Museen sind nicht nur Erlebnisräume. Sie sind auch Bildungseinrichtungen. Aber sie dämmern samt ihrer Museumspädagogik im Lockdown. Darum ergriff die Direktorin der Bielefelder Kunsthalle vor Tagen die Initiative. Sie bietet ihre derzeit coronabedingt geschlossenen Museumsräume für den Unterricht an: „In Abstimmung mit Lehrern oder Schulleitern könnte man diese umfunktionieren und andere Formen des Unterrichts installieren“, so Christina Vegh. Die leer stehenden Räume seien sehr viel sicherer als die engen, oft schlecht zu lüftenden Klassenzimmer.

Sie möchte den Schulen zurufen: „Wir sind da! Kommt in unsere Vermittlungsprogramme. Oder – wenn euch damit gedient ist – haltet euren Unterricht bei uns ab!“ Die Vermittlungsangebote seien in den letzten Jahren überall ausgebaut worden, parallel dazu aber wurden Fächer wie Musik oder Kunst in den Schulen abgebaut. „Der Wert dieser Fächer für Persönlichkeitsbildung, Integration und soziale Kompetenz wurde immer weniger beachtet“, so Vegh. In der Zeit der Krise könnten die Orte der Kultur wenigstens die Schulen unterstützen.

Die couragierte Frau bekam auf ihre in der Presse öffentlich gemachte ungewöhnliche Idee hin bis heute keine Antwort aus der zuständigen Politik in NRW. Die Mühlen der Bürokratie. Diese Chance aber, gesellschaftliche Prozesse neu zu denken, teilen auch die Staatlichen Museen zu Berlin. In allen Häusern sind die Räume der Museumspädagogik leer, der Aktionsraum im Hamburger Bahnhof, dessen historische Halle, das Foyer des Kulturforums, die Rotunde im Alten Museum und im Bode-Museum, das Assisi-Panorama. Überall viel Raum, Luft, Licht.

Auch im Stadtmuseum ist eine solche Kooperation mit Berliner Schulen aus der Nachbarschaft denkbar. Die weitläufigen, klimatisierten Flächen sind sichere Orte. Direktor Paul Spies würde Schulen in der aktuellen Corona-Pandemie „gegebenenfalls entlasten und eventuell Museumsräume für kulturelle Bildung zur Verfügung stellen. Selbstverständlich müssten die empfohlenen Abstands- und Hygieneregeln umgesetzt werden und eine mögliche Unterstützung müsste auch personell zu bewältigen sein.“ Zudem müssten die unterschiedlichen räumlichen Möglichkeiten in den jeweiligen Museen wie z. B. Märkisches Museum, Museum Nikolaikirche oder Museumsdorf Düppel geprüft werden.

Eher skeptisch sieht Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie, den Vorschlag seiner Bielefelder Kollegin. Er sei für klare Lösungen: „Entweder sind die Museen offen oder geschlossen.“ Im Amt von Kultursenator Klaus Lederer, der ja bis zur Lockdown-Entscheidung von Bund und Ländern für das Offenhalten der Berliner Museen eingetreten war, zeigt man sich aufgeschlossen gegenüber der Idee, im  absehbar länger als erwartet andauernden Ausnahmezustand geeignete museale Räume für die dringend nötige kulturelle Bildung zu nutzen. Doch er schränkt ein: „Auch wenn die Infektionszahlen langsamer steigen – die Gefahr ist keineswegs gebannt, an Lockerungen ist aktuell nicht zu denken. Erst wenn die Zahlen signifikant sinken, entstehen Möglichkeiten. Dann kann es wieder kulturelle Angebote geben, und seien es zunächst die kulturelle Bildung in Museen oder Kinder- und Jugendtheatern, vielleicht im Klassenverband oder in festen Gruppen.“

Und in den Staatlichen Museen fragen sich die Museologen und Museumspädagogen, die eine Kooperation mit den Schulen begrüßen würden:  Hätten gewisse Jugendliche beispielsweise im der Rotunde von Schinkels Altem Museum kulturelle Bildung erlebt – hätten sie, wie vor Tagen passiert, die Granitschale des Bildhauers Cantian im Lustgarten so respektlos besprüht?