„Körper und Seele“: Dieser Film gewinnt den Goldenen Bären bei der Berlinale

Berlin - Der ungarische Liebesfilm „Körper und Seele“ („Teströl és lélekröl“) hat am Samstagabend den Goldenen Bären der 67. Berlinale gewonnen. Darum geht es:

Der seltsamste Ort, der sich für eine Liebesgeschichte vorstellen lässt, ist   wohl ein Schlachthaus.  In der Fleischfabrik werden nicht nur Muskeln von Knochen und Knorpeln  gelöst, hier trennt sich im Akt des Tötens auch der Körper von der Seele, falls man dazu bereit ist, Tieren so etwas wie   Seele zuzubilligen. Da ist kein Platz  für romantische Gefühle.

Die Szenen im Schlachthaus lassen Zuschauer erschaudern

Die Eröffnungsszene von Ildikó Enyedis Film „On Body and Soul“ führt jedoch zunächst in eine Welt, die friedlicher nicht sein könnte. Ein Wald im Schneetreiben, Stille liegt über der Landschaft, die von einem in vollkommener Harmonie   einander zugewandten Paar durchstreift wird. Es ist ein Hirsch mit seiner Kuh. Wir werden sie noch öfter sehen, bevor wir begreifen, was es mit ihnen auf sich hat.

Der Schnitt in das Schlachthaus ist nach dieser Exposition ein umso größerer Schock. Hier arbeiten Menschen daran, Tiere  zu zerlegen. Sie sind dabei nicht grausam, sondern effektiv. Es ist diese Effektivität, die einen erschaudern lässt. In ihren quasi dokumentarischen Bildern erspart einem Ildikó Enyedi nichts. Neu in den Betrieb kommt eines Tages Mária, eine stille, junge Frau, die eine Stelle als Qualitätsprüferin antritt.

Mária ist Autistin

Sie nimmt es bei der Arbeit sehr genau, achtet auf jedes falsche Gramm Fett. Beim Mittagessen in der Kantine  sucht sie sich einen Platz für sich, sie lächelt nie und wirkt auf die Kollegen arrogant. Nur Endre, ihr etwas älterer Chef, gibt sich Mühe, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Als er ihr einmal erzählt, dass er mittags am liebsten einen Teller mit Gemüse isst, entgegnet sie ihm, das sei so, weil er wegen seines gelähmten Arms nicht mit Messer und Gabel umgehen könne. Mária, so viel zeichnet sich nun ab,  ist Autistin, sie kann  mit Gefühlen nicht umgehen, nicht mit ihren, nicht mit denen der anderen. Sie fühlt sich nur mit Zahlen sicher.

Das Unglück der Protagonistin berührt

Szene um Szene erklärt sich das  Verhängnis dieser Frau, die derart in sich eingeschlossen ist, dass sie den Dialog mit Endre am Abend am Küchentisch mittels Pfeffer- und Salzstreuern nachspielt, um nach den richtigen Worten zu suchen.

Alexandra Borbély spielt diese so tief verängstigte und  verunsicherte Mária ohne jeden pathologischen Zug. Sie ist in ihrer strukturierten Innenwelt ganz bei sich und wirkt in ihrem Unglück umso berührender, da sie das Unglück für ganz selbstverständlich nehmen muss. 

„Ich träumte, ich wäre ein Hirsch“

Das ändert sich erst, als es im Schlachthof zu einem  bizarren Diebstahl kommt, eine Dose mit so genanntem Bullenpulver fehlt, ein Potenzmittel, worauf sich nun alle Mitarbeiter einer sexualpsychologischen Begutachtung zu unterziehen haben. Auf die Frage, was er in der letzten Nacht geträumt habe antwortet Endre: „Ich träumte, ich wäre ein Hirsch.“

Und dann erzählt  dieser dezent wirkende Mann, der die Sache mit den Frauen längst ermüdet aufgegeben hat, von seinem Leben mit der Hirschkuh und wie sie sich  einmal beim Trinken aus dem Bach mit ihren Nasen berührt hätten. Wenig später sitzt Mária vor der Psychologin und  berichtet von dem selben Erlebnis. Die beiden so einsamen Menschen finden sich in ihrem gemeinsamen Traum.

Eine außergewöhnliche Liebeserklärung

An diesem Punkt wendet sich der Film ins Märchenhafte, und es ist der Kunst dieser Regisseurin zu verdanken, dass ihr Film in keinem Moment seine Protagonisten an eine Art übersinnliche Geschichte verrät. Das Wunder der Seelenverwandtschaft ist in diesem großartigen Film aufgehoben im profanen Alltag.

Es mag vielleicht merkwürdig klingen, aber der Moment, in dem diese beiden Mitarbeiter eines Schlachthofs von der Berührung ihrer Nasen an einem Waldbach erzählen, ist eine der schönsten Liebeserklärungen der letzten Zeit.

Der zaghafte Versuch, Vertrauen zu gewinnen

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi, die 1989 mit ihrem Debüt „Mein 20. Jahrhundert“ beim Festival in Cannes den wichtigsten Nachwuchspreis gewann, vermeidet in ihrem erst fünften Spielfilm jede Sentimentalität.

In vielen Großaufnahmen, die den Blick immer wieder auf Gesichter, Augen und Gliedmaßen richten – und dabei verstörender Weise auch das Schlachten nicht vergessen – begleitet sie die Frau und den Mann bei ihren zaghaften Versuchen, sich einander zu nähern, Vertrauen zu gewinnen, Ängste zu überwinden.