Nora (Lena Urzendowsky, l.) und Romy (Jella Haase) in „Kokon“
Foto: Jost Hering Filme

BerlinPubertät ist schrecklich. Das erfahren Eltern, wenn ihre eben noch niedlichen freundlichen Kinder widerborstige Wesen werden, die keinem Argument zugänglich sind. Die Aussicht, dass sie sich wieder in angenehme junge Menschen verwandeln können, tröstet in der Phase wenig. Pubertät ist schrecklich auch für die Mädchen und Jungen selbst, deren Körper sich verändern, deren Launen und Interessen schwanken, ohne dass sie richtig darauf Einfluss nehmen können.

Insofern ist der Film „Kokon“ nicht nur für das Zielpublikum der Sektion Generation 14plus interessant, deren Wettbewerb er eröffnet, sondern auch für Eltern und andere mittelbar Betroffene. Leonie Krippendorf, vor zwei Jahren Teilnehmerin der Berlinale Talents, inszeniert nach eigenem Drehbuch wenige Tage aus dem Leben des Mädchens Nora rund ums Kottbusser Tor in Berlin.

Nora hängt meistens mit ihrer älteren Schwester Jule ab, wird sogar in deren Klasse gesetzt, als sie nicht mit zum Schulausflug kann. Jule nennt Nora spöttisch „kleine Spätentwicklerin“, als die ausgerechnet im Sportunterricht erstmals menstruiert. Dann ist da aber ein älteres Mädchen, Romy, die sich um sie kümmert. Der Film bildet den Alltag in vielen Facetten ab, zeigt Momente in der Schule, die heißen Sommernachmittage im Schwimmbad, Partys, die seltenen Begegnungen mit der Mutter, die mehr mit sich zu tun hat als mit den Töchtern.

Nora (Lena Urzendowsky, l.), ihre Schwester Jule (Lena Klenke, M.) und eine Freundin hoch oben in Kreuzberg.
Foto: Martin Neumeyer/ Jost Hering Filme

Der Kreuzberger Kiez erscheint dabei wie ein Dorf, so wie es die Legenden aus den Hausbesetzerjahren schon erzählten. Für die Mädchen ist es normal, zwischen Bettlern herumzulaufen, die Mutter aus der Kneipe abzuholen. Die Erwachsenen sind nur Randfiguren in ihrem Leben. Warum Noras und Jules Mutter trinkt, erfahren wir nicht. Welches Ereignis Romy zwei Schuljahre kostete und ihre Mutter den Beruf, scheint kurz auf.

Glitzernde Sozialbauten 

Das Leben ist nicht leicht in diesem Film, aber es kann sehr licht sein. Nora, mit glaubwürdigem Ernst und zarter Hoffnung gespielt von   Lena Urzendowsky, entdeckt ihre Gefühle für Romy (Jella Haase). Berlin wird dabei hell und glitzernd, sogar die Sozialbauten am Kotti haben dann ihren Reiz.

Der Film zeigt die Pubertät als Verpuppungsphase, hält also das Versprechen, das der Titel „Kokon“ gibt. Nora sammelt Raupen, daraus können schillernde Schmetterlinge oder geheimnisvolle Nachtfalter werden. Die Filmheldinnen probieren vieles aus. Sie gehen durch verbotene Türen, machen Trinkspiele, rauchen Sisha, küssen Menschen des gleichen und des anderen Geschlechts. Die Sexualkundelehrerin bietet ihnen sogar das Elternsein auf Probe an, mit Baby-Attrappen zum Mitnehmen. Leonie Krippendorff inszeniert stimmungsvoll und ganz auf ihre jungen Figuren konzentriert, lädt dazu ein, mit ihnen den Puls ihres Viertels zu spüren. Sehr schön.

Vorführungen auf der Berlinale: 22.2., 20.30 Uhr, HAU 1; 23.2., 17 Uhr, Cubix 8; 27.2., 14 Uhr, Cinemaxx 1; 1.3., 13.30 Uhr, Cinemaxx 3