Ein Fernsehgerät mit einem alten Film.
Foto: Unsplash/Bruna Araujo

Bevor ich 2010 das erste Mal in die USA flog, hatte ich folgenden Satz im Kopf: Die Amis verbringen ihre Zeit vor allem vor dem Fernseher – egal ob sie frühstücken, Besuch haben oder schlafen. Das kam mir damals etwas komisch vor. Würden die Amerikaner etwa einen Gast um Ruhe bitten, weil gerade etwas Interessantes gesendet wird? Und kann man überhaupt schlafen, wenn die Glotze läuft?

Dieses Klischee wollte ich überprüfen. Und es stimmte damals – zumindest bei meinen Verwandten, Bekannten und ihren Freunden in den USA. Der Fernseher lief wie der Kühlschrank, also 24/7. Ich bemerkte das in Los Angeles, in Denver, in Washington, in New York und auch in Montana. Was sich auf dem Fernseher zeigte, kann man sich leicht vorstellen: Seifenopern, TV-Shows und News. Zeitungen, sofern es welche gab, wurden kaum gelesen. Radio wurde nur im Auto gehört.

Daran musste ich denken, als gemeldet wurde, dass Ex-Präsident Bill Clinton den kolportierten Dauerfernsehkonsum des derzeitigen Präsidenten Donald Trump beanstandet hatte. Clinton sagte beim Parteitag der Demokraten in Milwaukee: „Wenn Sie einen Präsidenten wollen, der seinen Job auf eine Weise definiert, dass er täglich mehrere Stunden vor dem Fernseher sitzt und sich in sozialen Medien mit anderen Menschen bekriegt, dann ist Trump Ihr Mann.“ 

Clintons Aussage überrascht zwar wenig – immerhin kandiert Trump für die Republikaner, also für die Konkurrenz. Aber im Detail impliziert sie eine verheerende Kritik am Pöbel, die schon seine Ehefrau Hillary Clinton den Wahlsieg gekostet hat. Was sollen denn die Amerikaner für Schlussfolgerungen ziehen? Ist es besser, den ganzen Tag auf Social Media zu verbringen? Am Handy zu hängen und durch Instagram zu scrollen? Und überhaupt: Besteht die Demokratie nicht genau darin, einen Präsidenten zu haben, der ein bisschen so ist, wie man selbst? Man könnte es ja auch so sehen: Wenn das Fernsehschauen in den USA ein hohes kulturelles Gut ist, dann haben die Amerikaner genau den Präsidenten, den sie auch verdienen.