Als Buchstaben noch getippt werden mussten, wie hier auf der Schreibmaschine BLWX018036, wurden die Wörter vielleicht noch nicht so schnell aussortiert.
Foto: Erwin Wodick

BerlinAn dieser Stelle wollte ich über Vintage-Wörter schreiben. Bei Vintage-Wörtern handelt es sich um Wörter, die vom Duden aussortiert wurden. Ich stelle mir vor, dass man sie in einem Secondhandladen kaufen kann. Dort werden sie verstaubt herumliegen, vergessen von ihren Nutzern, und auf ein neues Leben warten. Ich könnte sie erwerben und in meiner Wohnung aufstellen. Oder sie in einer Unterhaltung benutzen. Dann würden Gesprächspartner sagen: „Oh! Das ist aber ein schönes Wort! Wo hast du es her?“ Und ich würde voller Stolz antworten: „In einem Antik-Shop entdeckt, der Besitzer wusste nichts von seinem Wert, es war spottbillig, praktisch ein Schnäppchen. Ist es nicht schön? Habe ich aufarbeiten lassen. Früher hat es dem Duden gehört.“

300 Wörter sollen in der letzten Runderneuerung des Dudens aussortiert worden sein, heißt es, und ich wollte sie alle mit sportlichem Ehrgeiz in einem Text unterbringen: Nostalgie als Herausforderung, Vintage total. Aber der Duden schreibt mir heute, er gebe keine Komplettlisten heraus, nur eine Auswahl von 38 Wörtern, darunter „Hackenporsche“ und „Niethose“, was schön ist – aber eben nur etwas mehr als ein Zehntel der Menge, die ich für meinen Antik-Text bräuchte, um mit ihm prahlen zu können. Das wird nun nicht mehr passieren. Dafür habe ich Frösche.

Ja: Frösche. Sie kamen während des Gewitters letzte Nacht in meine Küche gehüpft, direkt aus dem Garten. Kleine, daumengroße, fast schwarze Frösche, die offensichtlich Schutz suchten. Ich sah sie und dachte: „Moment mal! Was suchen Frösche hier? Sie lieben doch die Nässe, sitzen gerne auf Seerosenblättern, fahren ihre langen Zungen aus, um Fliegen zu fangen. Sie lieben Tümpel und Teiche, das nasse Element ist ihre Heimat! Sie sollten nicht in der trockenen Küche eines Mannes sein, der alte Wörter sammelt.“

Nachdem ich einen Frosch aus der Küche getragen hatte, kamen die nächsten herein. Eine wahre Invasion. „Was wollt ihr hier?“, rief ich ihnen zu, bekam aber keine Antwort. Vielleicht, dachte ich, bieten sie sich freiwillig als Froschschenkel an, was mir aber zu kurz gedacht schien. Selbst in Frankreich kommen die Froschschenkel meistens aus der Türkei. Außerdem hüpft ja auch kein Huhn in eine Frittenbude, um sich als Chickenwing anzubieten.

Chickenwing ist wiederum eines dieser Wörter, die ich zu vermeiden versuche. Der Anglizismus scheint mir die Tatsache zu verschleiern, dass es sich hier um das Körperteil eines niedlichen Huhns handelt. Ich bevorzuge auch Treffen statt Meeting und schreibe Mobiltelefon statt Handy. Wenn es um Sprache geht, entdecke ich den stockkonservativen Reaktionär in mir, der ich lieber nicht wäre. Viel lieber würde ich mich in die Welt der Checkpoints, Counter und Record-Release-Partys werfen, während die Welt um mich erhellt wird von einem Feuerwerk aus Zwinkersmileys. Tatsächlich aber stehe ich in einem grauen Kittel herum und poliere alte Wörter wie „Kabelnachricht“ blank, um sie danach in meinen Trophäenschrank zu stellen.

Weil es so ist, hier mein öffentliches Flehen: Bitte, liebe Leute vom Duden, schickt mir alle 300 Wörter. Ich passe gut auf sie auf und halte sie in Schuss. An schönen Sommertagen werde ich sie sogar ausfahren. Wenn einer dieser jungen Gastronomen kommt und um ein Exemplar bittet, damit er auch mit einem Hauch Retro in der Gaststube glänzen kann, werde ich nicht Nein sagen. Vintage für alle. Ich bin ja kein Frosch.