Berlin - Wir waren jung und wohnten an einer Hauptstraße. Vierspurig. Kopfsteinpflaster. Ick hör’ den Krach jar nich mehr, brüllte die Nachbarin, der Mensch jewöhnt sich an allet. Nö. Desensibilisierung funktioniert nicht immer. Ich erwog, den Verkehr per Panzerfaust zu beruhigen. In Einflugschneisen träumen sie manchmal von Luftabwehrraketen. Das läuft wie bei der Chinesischen Wasserfolter: Jeder Tropfen fühlt sich an wie ein Schlag.

Es könnte auch ein „Glottisschlag“ sein. So nennen Linguisten die neumodische Sprechpause etwa zwischen „Politiker“ und „innen“. Das Geschlechtergerechtigkeitsförderungsinstrument. Die ZDF-Nachrichtenmoderatorin Petra Gerster erprobt es seit Herbst an der unschuldigen Zivilbevölkerung. Nach der Premiere, so verriet sie der taz, hätten um die 60 Zuschauer protestiert. Inzwischen gebe es Beschwerden „nur noch im einstelligen Bereich, es setzt also eine Gewöhnung ein“.

Aus Frau Gerster höre ich die Genugtuung einer Dompteurin, die ihren Königspudeln eine Dressurnummer beigebracht zu haben glaubt. Ich will die Hoffnung nicht kleinreden. Nur, derselbe Effekt träte wohl ein, sollte die Fernsehschaffende fortan stets mit einem kunstvoll ins Haupthaar geflochtenen Pangasiusfilet vor die Kamera treten. Auch dann ebbte das Echo alsbald ab. Wegen Ermattung. Dennoch fänden viele das Accessoire Bratfisch auch nach dem hundertsten Mal noch albern, zumal ohne Petersilienkartoffeln und Senfsoße.

Weiter sagte die „heute“-Moderatorin: „Um das Thema tobt ein ideologischer Kampf, der vornehmlich von – wie ich vermute – älteren Männern geführt wird.“ Das Gendersprachkonzept ist demnach gar keine Kopfgeburt akademischer Zirkel. Nein, es entstammt direkt dem Volksmund und setzt sich so spontan durch wie „geil“ gegen „dufte“. Wer sich gegen diese gänzlich unideologische Graswurzelbewegung stemmt, kann also nur eine von wenigen verknöcherten Knalltüten sein. Die sterben entweder aus oder werden durch Repetieren des Lerninhalts doch noch konditioniert wie ein sprechfauler Wellensittich.

Frau Gerster vermutet. Ich mag es evidenzbasiert. Bei einer Civey-Umfrage im Januar 2019 waren 22 Prozent fürs Gendern, 67 dagegen. Etwas später fanden gegenüber Insa-Meinungsforschern 27 Prozent die Sache wichtig, 62 Prozent nicht. Bei Infratest-Dimap stand es im vergangenen Mai 35 zu 56. Jüngste Daten stammen aus einer weiteren Civey-Erhebung vom Oktober: Sollen staatliche Einrichtungen gendern? 20 Prozent ja, 68 Prozent nein. Mein lieber Kokoschinski. So viele alte Männer.

Mit dem, laut Wikipedia, „Stimmritzenverschlusslaut“ verfehlt Petra Gerster also das Sprachempfinden der weitaus meisten Zuschauer. Gut, sie muss der Masse nicht nach dem Maule reden. Aber dass sie diese Mehrheit der Fernsehgebührenzahler marginalisiert, ist dann doch uncharmant. Kann schon sein, dass ich nicht eben anpassungsfähig bin. Doch bestimmt liegt es auch am selbstgewissen Tugendstolz von Gendermissionaren, dass ich mich, wie beim Straßenlärm, wieder nicht gewöhne, sondern radikalisiere. Auf der Arte-Webseite steht gerade etwas über „Fischende, Tierschützende und Meeresforschende der kleinen kanadischen Insel Campobello Island“. Früher hätte ich das belächelt. Mein erster Impuls heute: Für solche Schandtaten ist Bewährung zu wenig. Hinterher Sicherungsverwahrung. Aber nicht auf Campobello Island. Zu schön dort.