Vor einer Woche behandelten wir die äußeren Umstände der Krise im Jüdischen Museum Berlin (JMB), heute geht es um die inneren Zustände. Dazu erfährt man wenig, und Staatsministerin Monika Grütters speiste die Öffentlichkeit mit diesem Satz ab: „Jetzt heißt es, den Blick nach vorne zu richten." Ja, wohin denn? Mir erscheint ein Blick zurück durchaus nützlich.

Die seit 1997 von Gründungsdirektor Michael Blumenthal geprägte Expansionsära des Museums war ein Riesenerfolg: Glashof, Kammermusikfestspiele, Preisverleihungen, Gründung der Akademie und des Kindermuseums, Blumenthals unermüdliches Herbeischaffen vieler Millionen an Spenden und aus dem Bundeshaushalt. Diese Phase ist endgültig vorbei. Der 2014 berufene, wissenschaftlich hervorragende Professor Peter Schäfer erwies sich in der Funktion des Direktors einer großen Institution als Fehlbesetzung. Misstrauisch oder uninformiert vermied er Entscheidungen. Von Anfang an war er schwer erreichbar, häufig nicht im Haus, schrie gelegentlich herum, hielt sich an Nebensächlichkeiten auf, glänzte nicht durch Vorbild und Ideen. Diese Art der Leitung wirkte lähmend und zersetzend. Zudem verlieh der Stillstand dem geschäftsführenden Direktor Martin Michaelis, seines Zeichens Verwaltungsjurist, mehr Macht als ihm zusteht.

Mehrheitlich wollte der Stiftungsrat all das nicht so genau wissen. Man pflegte den schönen Schein. Schließlich hatten die Mitglieder dieses Aufsichtsorgans (darunter ich) Professor Schäfer berufen, nachdem ihn Michael Blumenthal und Monika Grütters mit enthusiastischen Worten vorgeschlagen hatten. Allerdings fiel bereits im vergangenen Herbst informell die Entscheidung, Schäfers Vertrag nur noch um ein Jahr bis 2020 zu verlängern, und im April dieses Jahres – also vor dem großen Knall – war eine Findungskommission eingesetzt worden. In Wahrheit muss diese Kommission mindestens zwei Personen vorschlagen: nämlich den Direktor/die Direktorin und die Programmdirektorin/den Programmdirektor. Denn die vom Stiftungsrat 2016 berufene und seit Februar 2017 tätige höchst kommunikative, museumserfahrene, niederländisch-jüdische Programmdirektorin Léontine Meijer-van Mensch hat das Haus nach nur 19 Monaten fluchtartig verlassen - wegen unerträglicher innerer Verhältnisse, vielfältiger Intriganz und völlig unklaren Zuständigkeiten. Direktor Schäfer trägt dafür Verantwortung, allerdings nicht allein. (Mittlerweile ist noch die Leiterin der Akademie des JMB abhandengekommen.)

Angesichts der offenkundig gewordenen Krise berief der Stiftungsrat den exzellenten Museumsmann Christoph Stölzl als „Vertrauensperson“ für die Zeit des Übergangs. Eine externe Vertrauensperson braucht man dort, wo Misstrauen herrscht. Die 140 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des JMB müssen jetzt miteinander und mit Stölzl intensiv reden. Sie kennen die Probleme. Sie haben Ideen. Sie können die Krise produktiv wenden. Denn es geht nicht darum, zu einem „Normalzustand zurückzukehren“, wie Unwissende fordern, sondern darum, nach den Jahren atemberaubender Expansion und anschließender Desorientierung eine gegenseitig anregende, gut gelaunte Arbeitsweise zu entwickeln, die auf das Publikum anziehend wirkt, in die Stadt und in die Welt ausstrahlt. Fortsetzung folgt.