Der Kater ist jetzt ein Wanderer. Ein Wohnungswanderer. Es ist Frühling, es wird warm, er maunzt und tiriliert und will das Leben umarmen. Oder sich zumindest umarmen lassen. Das geht in seiner Situation nur in der Sonne, und deren Lauf folgt er jetzt genau. Morgens zwängt er sich im Teenagerzimmer, dessen Fenster nach Osten geht, mit aufs Kopfkissen, mittags ist er unruhig, belagert nachmittags den Balkon und fängt abends noch die letzten Strahlen im Erkerzimmer ab.   

Dabei ist er alles andere als kooperativ. Dass auch unsereiner gerne mal im Hellen, Warmen sitzen würde, ist ihm egal. Wir schleppen sein Futter herbei, putzen hinter ihm her, bespielen und betütteln ihn, harren stundenlang aus, wenn er im Schlaf gehalten werden muss, aber wenn es um die Sonne geht, sind Freund und Feind ihm einerlei. 

Er scheut sich auch nicht, fordernd an unseren Hosen zu zupfen

Vom warnenden Gurren bis zum offenen Fauchen reicht sein lautliches Repertoire, und sollte jemand schneller als er im schön beschienenen Sessel sitzen, äugt er wieder und wieder von der Seite über die Lehne und scheut sich nicht, auch mal fordernd mit der Kralle an unseren Hosen zu zupfen. Ein Schoßplatz kommt hier nicht in Frage, die Sonne genießt der Kater nur als König.

Ohnehin hat er seine Kommunikation in den letzten Monaten erweitert. Lautsprachlich war er von Anfang an bemüht, wohl ahnend, dass wir die Aussagen der jeweils exakt tarierten Ausrichtung seines Schwanzschwunges nicht zu deuten wissen würden. Inzwischen aber arbeitet er auch an einem Ausdrucksrepertoire mit Körperkontakt. Es begann mit zarten Bissen in die Schulter am Morgen, wenn er fürchtete, wir könnten seine Frühstückszeit verpassen. Das Hosenzupfen kam danach, und das Neueste ist, dass er sich direkt vor einem auf dem Tisch platziert, aus seinem ernsten Fellgesicht heraus Blickkontakt sucht und einen dann sanft mit der Pfote an der Wange berührt. 

Das ist eine seltsam aus der Zeit gefallene Geste, halb segnend-verabschiedend, halb Maß nehmend für einen Hieb (bei Katern weiß man ja nie). Wo hat er sich die nur abgeschaut? Wären wir eine bäuerliche Familie aus dem 18. Jahrhundert, flöge der Kater, der es auf den Tisch geschafft hätte, achtkantig durchs Fenster in den Hof hinaus. Aber schon damals waren Katzen, die freiberuflich und ohne eigenes Katzenklo und Lebensversicherung die Ställe mäusefrei hielten, ja vielleicht gestische Poeten und Gedankenleser: missverstandene Weise.

Unser häusliches Exemplar hier macht sich die Rührung zunutze und fordert sogleich zum Mitkommen auf. Meist geht es zum Futterplatz oder zum Flaschenkorb, wo die Katzenangeln mit Spielzeug dran parken. Auch empfindsamste Wesen haben schließlich elementare Bedürfnisse, und nur weil einer einen Blick spürt, der ihm aus fünf Metern Entfernung zugeworfen wird, heißt das nicht, dass er deswegen auf feine Häppchen in Gelee verzichten müsste.

Überhaupt ist die stolze Ruhe, mit der sich der Kater seinen Angelegenheiten widmet, eine Inspiration für den durchfunktionalisierten Alltagsmenschen, der sich von seinen inneren Antreibern durchs Leben hetzen lässt. Erst mal hinsetzen und in aller Ruhe die Zwischenräume der Zehen checken, dann in die Sonne blinzeln und sich seufzend auf dem weichsten Kissen in den Schlaf sinken lassen. Man ist Kater, wer ist mehr!