Vergangene Woche fragte mich eine irische Journalistin, warum die AfD in Brandenburg und Sachsen so stark ist und womöglich sogar die Wahlen im September gewinnen kann. Ich überlegte, was ich sagen soll. Ich dachte an Maik, den Fleischermeister, aus dem Dorf meiner Kindheit. Maik ist Anfang vierzig, er zieht mit seinem Fleischerwagen durch die Dörfer im Osten Brandenburgs. Bei der Europawahl hat er für die AfD gestimmt.

Nicht, weil ihm ihr Programm so gut gefällt, sondern weil er sich so über die anderen Parteien ärgert. „Wen soll man denn sonst wählen?“, sagt er. „Sind doch alles Verbrecher.“ Bei der AfD sitzen auch Verbrecher, manche sogar gerichtsfest verurteilt, aber wenigstens tun sie nicht so, als wären sie was Besseres. Sagt Maik. Sollte ich der Irin von Maik erzählen?

Ich dachte an Björn Höcke aus Thüringen. Bei dem AfD-Wahlkampfauftritt kürzlich berichtete er von einem Bürger, der ihm von seiner Angst erzählt habe, am Mittagstisch mit seinen Kindern ein offenes Wort zu wechseln – aus Sorge, die Kleinen könnten sich in der Schule verplappern. „Es fühlt sich schon wieder so an wie in der DDR“, sagt Höcke. „Und dafür haben wir nicht die friedliche Revolution gemacht, liebe Freunde. Das wollen wir nie wieder erleben, denn wir werden uns in keine neue DDR führen lassen!“

AfD hat verstanden, dass niemand immer nur der Loser sein will 

„Wir“ haben die friedliche Revolution gemacht? Höcke stammt aus Westdeutschland. Die Wendezeit verbrachte er in Rheinland-Pfalz. Dass es dort 1989 Montagsdemonstrationen gab, war bisher unbekannt.

Als die Mauer fiel, war Maik 14, und alles drehte sich um Manuela, das Mädchen aus der 8a. Der Mauerfall kam nur am Rande vor. Was Maik wohl dazu sagt, dass Höcke und die AfD die Ereignisse von 1989 für ihre Zwecke vereinnahmen?

Ich kann Maik nicht fragen, aber ich kann mir vorstellen, dass er mit den Schultern zuckt und sagt: „Immerhin interessiert er sich.“ In Maiks Dorf haben 200 Menschen eine gültige Stimme abgegeben, 56 davon für die AfD.

Für die 144, die für die CDU, die SPD, die Linke, die Grünen gestimmt haben, interessiert sich niemand, alle interessieren sich für die 56. Für Maik, den Fleischermeister.

Früher waren mal die Linken die große Ostpartei und Gregor Gysi ihr Held. Aber bei Gregor Gysi sind die Ostler die Opfer und Entrechteten. Niemand will aber immer nur der Loser sein, das hat die AfD verstanden.

Würden politische Umsetzungen Maik von der AfD abbringen? 

Die Story, die sie präsentiert, ist härter, wütender, krasser. Sie wandelt die Scham und die Ohnmacht, die manch einer im Osten verspürt (nicht alle!) – über das Leben in der Diktatur, die Nachwendezeit – in etwas Dynamisches um. „Wir lassen uns nix mehr gefallen“, das ist die Botschaft der AfD.

Kurz vor den Landtagswahlen präsentieren die Parteien allerlei Ideen, mit denen man hofft, die AfD-Wähler zu ködern. Vor der Sommerpause beschloss das Kabinett ein großes Hilfspaket für schwache Regionen. Dabei könnte man nach 30 Jahren Milliardentransfers in den Osten wissen, dass es nicht reicht, die Menschen zu Empfängern von Wohltaten zu machen. Dass sie eine Funktion haben wollen. Gebraucht werden wollen.

Doch selbst wenn man alles umsetzen würde, was jetzt als Vorschlag herumschwirrt, um die Ostdeutschen zu besänftigen: Würde das Maik von der AfD abbringen? Oder kommt das nicht alles viel zu spät für Menschen um die vierzig? Müsste man nicht eher in die nächste Generation Ostdeutscher investieren? In die Kinder von Maik?