Verhaltensfrage: Darf ich ein Los verschenken?

Lotterien bieten Geschenklose an. Und man könnte es als eine Möglichkeit sehen, Großzügigkeit zum kleinen Preis zu beweisen. Warum man es dennoch lassen sollte.

Langeweile am Südseestrand. Was alles passieren kann, wenn man Lotto spielt.
Langeweile am Südseestrand. Was alles passieren kann, wenn man Lotto spielt.imago images

Diese Serie erörtert Verhaltensfragen, damit ihre Leser nicht unvorbereitet in jede Situation oder Entscheidung schliddern. Seine Empfehlungen entwickelt der Verfasser hierbei am liebsten am Schreibtisch durch logisches Schließen und Begriffsarbeit, weil er dabei wenig persönliches Risiko eingeht, sich zu blamieren. Aber manchmal kann er auch aus eigenen Erfahrungen schöpfen und möchte die daraus gereiften Früchte der Erkenntnis gern teilen.

Da gab es diesen langen Blick an der Kantinenkasse, den mir die Bedienung schenkte, eine stets freundliche Frau. Ich konnte den Blick nicht interpretieren, zog die Augenbrauen hoch und fragte mit meiner mir eigenen, völlig distinktionslosen Ironie, womit, schmunzel, ich dienen könne. „Geld?“, so die Gegenfrage. Ach so. Gut. Wenn es weiter nichts ist.

Ich hatte mein Portemonnaie praktischerweise schon aufgeklappt und brauchte nur noch einen Schein zu entnehmen. Aber da war keiner, dafür hatte ich ein Déjà-vu. „Habe ich Ihnen nicht gerade einen 50-Euro-Schein gegeben?“ Die Frau in ihrem hellblauen Kittel und dem passenden Häubchen hielt tapfer ihr Lächeln, das innerlich aber erstarb. Ich entschuldigte mich, kratzte ein paar Münzen zusammen, das Geld reichte für die Kartoffelsuppe mit Frühlingszwiebelringen.

Wie übergriffig und beschämend!

So sicher ich mir nun war, dass ich mich geirrt hatte, so unsicher wurde die Frau offenbar. Sie kam an meinen Tisch und versprach mir, dass sie zum Feierabend schauen würde, ob sie bei der Abrechnung 50 Euro zu viel in der Kasse fände. Und als ich am nächsten Tag einen Bohneneintopf bei ihr zahlen wollte, winkte sie mir schon mit dem Schein zu und händigte ihn mir mit dem guten Gefühl aus, etwas Richtiges zu tun.

Ich war dankbar und wollte meinen Dank auch ausdrücken. Aber wie? Ein Trinkgeld? Wie paternalistisch und auch wie kleinlich angesichts des finanziellen Gewinns, den ich eben gemacht hatte. Auf das Geld verzichten? Halbe-halbe machen? Wie übergriffig und beschämend! Ich kam darauf, ein Los zu erwerben, etwas, das ich bis dahin noch nie gemacht hatte. Ich investierte fünf Euro, füllte den Schein aus, tippte mit Bedacht und überreichte am nächsten Tag den Schein zusammen mit dem Geld für eine Soljanka. Die Kassiererin grinste, sie fand die Idee gut.

Den Rest der Woche (Bohneneintopf und Gulasch) überlegte ich, was passiert, wenn das Los jetzt gewinnt. Natürlich gönnte ich der Kassiererin einen Batzen Geld. Auch wenn sie ihre Arbeit offensichtlich gern machte, sie verdiente nicht viel und hätte sicher nichts gegen eine ordentliche Finanzspritze. Ich sah schon vor mir, wie sie sich freute, aber auch, wie sie ihr Lächeln auf die bekannte Weise ersterben ließ, weil ihr dann einfallen würde, dass sie dem arroganten Suppenkäufer bestimmt was von dem Geld abgeben muss. Ich würde es natürlich nicht annehmen. Aber wie sollte ich dabei gucken? Strafend? Milde lächelnd?

Und was, wenn sie mit meinem Los den Jackpot zieht? Würde sie den hellblauen Kittel an den Nagel hängen und kündigen und sich eine Bleibe in der Südsee suchen? Was, wenn sie da einsam werden und ihre Kollegen und Kunden vermissen würde. Alkohol, Depression, Sonnenbrand? Und ich bin schuld?

Das Los war zum Glück eine Niete. Ich war ehrlich gesagt ein bisschen pikiert darüber, dass die Kassiererin aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl machte. Also: Bitte nicht nachmachen. Keine Lose verschenken. Das offenbart unnötig viel über den Charakter aller Beteiligten.