Die ARD, die Ostdeutschen und die Wähler von Donald Trump

Wie ticken nur diese Leute? Eine „Sportschau“-Moderatorin erkundet ihre ostdeutsche Heimat, ein „Tagesthemen“-Moderator seine US-Verwandtschaft. Ein neuer TV-Trend?

Wir Ostdeutsche: Jessy Wellmer und Gregor Gysi in Wellmers Film.
Wir Ostdeutsche: Jessy Wellmer und Gregor Gysi in Wellmers Film.rbb/Thomas Henkel

Nach einer Woche sah ich ein, dass ich mir den Film wohl doch in voller Länge anschauen musste. Nicht nur einen Ausschnitt oder den Anfang, den ich schon geschafft hatte. Eine blonde Frau läuft darin mit unsicherem Blick durch eine kleine Demonstration in Dresden und erklärt einem Mann, dass sie zwar sonst bei der „Sportschau“ arbeite, wie er richtig erkannt habe, sich aber jetzt für ihre Heimat interessiere. Bevor der Mann etwas dazu sagen kann, wird eine Frau eingeblendet, die erklärt, dass es in der Ukraine keinen Krieg geben würde, wenn die USA sich nicht eingemischt hätten. Die Frau sächselt.

Das waren die ersten 30 Sekunden. Der Film hieß „Russland, Putin und wir Ostdeutsche“ und lief in der ARD, gleich nach der „Tagesschau“. Wir Ostdeutsche reden komisches Zeug auf Demos in Dresden, so kennt man uns im Fernsehen. Ich hatte abgeschaltet. Am nächsten Morgen erzählte mir ein Kollege, dass er den Rest des Films gesehen habe, er wirkte gequält. Eine Freundin sagte, sie verschwende ihre Lebenszeit nicht mehr mit diesen Sendungen. Mein Freund sagte, so schlimm war es nicht, es seien interessante Leute zu Wort gekommen. Alle drei kommen auch aus dem Osten.

So wie die blonde Frau, die sonst bei der „Sportschau“ ist, Jessy Wellmer. Sie stammt aus Güstrow, nicht aus Dresden. Ich las ein paar Kritiken. In der Süddeutschen Zeitung hatte eine Frau über den Film geschrieben, die in Rostock geboren ist, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Mann, der aus Bautzen stammt. Zwei Kollegen, deren Texte ich gern lese. Sie fanden den Film aufrichtig und sehenswert. Das Urteil von uns Ostdeutschen über den Film, den eine Ostdeutsche über uns Ostdeutsche gemacht hatte, fiel insgesamt gemischt aus.

Russland, ein Garant des Friedens?

Ich suchte den Film in der Mediathek und stellte fest, dass er nur 45 Minuten lang ist, was mich einerseits erleichterte und andererseits verwunderte. Das Thema klang ja ziemlich komplex. Aufzeigen, was die Menschen zwischen Ostsee und Erzgebirge über den Krieg in der Ukraine denken, über Russlands Aggression, über Wladimir Putin – wie soll das so schnell gehen?

Es geht natürlich nicht. Über Putin reden die Protagonisten kaum, auch wenn er es in den Titel geschafft hat. Über den Krieg oder Russland reden die meisten auch erstaunlich wenig. Oft geht es um das Bild, das die Leute früher von der Sowjetunion hatten, eine Expertin spricht über die Kränkungen nach der Wende. Es kommen sympathische Menschen zu Wort, darunter die Eltern von Wellmer auf ihrer Terrasse.

Und ein ehemaliger NVA-Mann, der in jeder Besprechung des Films erwähnt wird, vermutlich weil er, neben der Demonstrantin in Dresden, am ehesten liefert, was man von einem Film in der ARD über den Osten erwartet. Er nennt Russland „Garant des Friedens“. Um jemanden zu finden, der so weit geht, muss man auch im Osten lange suchen. Reporterglück gewissermaßen.

Wellmer wirkt allerdings zerknirscht und erklärt, wie schwer sie ertragen kann, was der Mann sagt. Sicherheitshalber, man weiß ja nie, was man uns Ostdeutschen zutraut.

Eine Woche später lief gleich nach der „Tagesschau“ dann wieder ein Film, in dem ein ARD-Moderator seine merkwürdige Verwandtschaft verstehen wollte. Diesmal war es Ingo Zamperoni von den „Tagesthemen“. Sein Film hieß: „Trump, Biden, meine US-Familie und ich“. Zamperonis Schwiegervater würde Trump wählen, wenn der noch mal antritt. Ich warte jetzt gespannt auf die nächste Woche. Vielleicht hat jemand von der ARD ja noch Verwandte in einem anderen wunderlichen Land.