BerlinWas macht eigentlich Claas Relotius? Ende Februar fand das Wochenblatt „der Freitag“ heraus, dass der einstige Reporter, der mit zahlreichen frei erfunden Artikeln das Renommee seines ehemaligen Arbeitgebers, des „Spiegel“, schwer beschädigte, sich mit Fußballspielen in seinem Wohnort Tötensen bei Hamburg fit hält.

Interessanter als Relotius’ sportliche Unternehmungen sind dessen Aktivitäten auf dem Medienparkett: Wie es in seinem Umfeld heißt, hat er sich im Sommer mit Daniel Puntas Bernet getroffen, dem Chefredakteur von „Reportagen“, einem kleinen, aber feinen Schweizer Magazin. Plant der Märchenerzähler ein Comeback? Oder wollte er sich nur bei dem Schweizer entschuldigen, dem er einst auch eine seiner erfundenen Storys unterjubelte?

Puntas Bernet mag sich zu dem Treffen nicht äußern. Und Relotius’ Anwalt Christian Schertz lehnt jede Stellungnahme ab, die seinen Mandanten betrifft. Letzteres ist auch deshalb schade, weil der Berliner Medienrechtler womöglich Auskunft über ein ambitioniertes, aber wohl gescheitertes Medienprojekt geben könnte, bei dem der 34-Jährige eine nicht unwichtige Rolle spielen sollte: Ganz offenbar wollte Netflix mit Relotius bei einem geplanten Doku-Drama zu dessen Fall zusammenarbeiten.

Mehrere Quellen, die mit dem Projekt direkt oder indirekt zu tun haben, berichten, Netflix habe den ehemaligen Journalisten deshalb kontaktiert. Wie der auf das Ansinnen des Streamingdienstes reagierte, ist unklar. Die Quellen widersprechen sich in diesem Punkt. Klar ist jedoch, dass ohne ihn ein Doku-Drama über seinen Fall gar nicht möglich wäre. Schließlich würde ein solches Projekt seine Persönlichkeitsrechte erheblich berühren.

Netflix hat auch den „Spiegel“-Reporter Juan Moreno angemorst

Das Problem ist jedoch, dass die Glaubwürdigkeit eines Doku-Dramas zum Fall Relotius höchst überschaubar wäre, das sich in wesentlichen Punkten auf dessen Angaben stützt, also auf die Schilderungen eines notorischen Lügners. Folglich hat Netflix auch den „Spiegel“-Reporter Juan Moreno angemorst, der vor zwei Jahren Relotius auf die Schliche kam. Sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“ ist so etwas wie das Standardwerk zu dem Fall. Aber Moreno, der in der Angelegenheit ebenfalls nichts sagen will, beschied den US-Streamingdienst abschlägig.

Es stellt sich zudem die Frage, wie eine Zusammenarbeit zwischen Moreno und Relotius überhaupt hätte aussehen können. Schertz hatte vor gut einem Jahr im Auftrag seines Mandanten dessen Ex-Kollegen vorgeworfen, in dem Buch gäbe es 22 Textstellen mit „erheblichen Unwahrheiten und Falschdarstellungen“. Solche Äußerungen sind keine Basis für ein gemeinsames Projekt. Das sieht man nun wohl auch bei Netflix so. Jedenfalls wurden die Vorarbeiten zu dem Doku-Drama gestoppt. Äußern mag sich Netflix dazu nicht.

So wird die Verfilmung von Morenos Buch durch die Ufa vorerst das einzige audiovisuelle Projekt zu dem Fall bleiben. Wohl auch aus juristischen Gründen hat Regisseur Bully Herbig daraus eine leicht verfremdete Mediensatire gemacht. Die Figur, die dem „Spiegel“-Fälscher nachempfunden wurde, heißt denn auch nicht Claas Relotius, sondern Lars Bogenius.