Berlin - Dass deutsche Fernsehsender die Menschenwürde verletzen, ist ein schwerer Vorwurf, der auch nur selten erhoben wird. Einen Präzedenzfall gibt es jedoch: 2011 zeigte RTL in dem Format „Super Nanny“, wie eine offenbar überforderte Alleinerziehende gegen ihre weinenden und verängstigten Kinder im Alter von drei, vier und sieben Jahren übergriffig wird. Zu sehen war, wie die Frau die drei beschimpft, bedroht und schlägt.

Die Szene lief nicht nur in der Sendung selbst, sondern auch in Trailern, mit denen RTL in seinem Programm für diese Folge der „Super Nanny“ warb. Die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten wertete die Schimpf- und Prügel-Bilder als Verletzung der Menschenwürde der Kinder. RTL klagte vor dem Verwaltungsgericht Hannover – und verlor.

Nun droht einem Wettbewerber des Kölner Privatsenders ähnliches Ungemach: Die Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein (MAHSH) hat ein Verfahren gegen Sat. 1 eröffnet, in dem geprüft wird, ob der Sender die Menschenwürde verletzt hat. Dies bestätigt der Direktor der Landesmedienanstalt, Thomas Fuchs, der Berliner Zeitung auf Anfrage.

Konkret geht es um eine Folge der Sat.-1-Reportage-Serie „Lebensretter hautnah – Wenn jede Sekunde zählt“, die am 2. November ausgestrahlt wurde. In einem der darin gezeigten fünf Rettungseinsätze ist ein offenbar schwer verletzter Mann zu sehen. Aus seinem Mund läuft Speichel. Sein Gesicht ist deutlich zu erkennen, es ist nicht verpixelt.

Die Medienanstalt sieht darin einen möglichen Verstoß gegen Paragraf 4, Absatz 8 des Jugendmedienschutzstaatsvertrages. Dort heißt es, dass Angebote unzulässig sind, die „gegen die Menschenwürde verstoßen, insbesondere durch die Darstellung von Menschen, die … schweren körperlichen … Leiden ausgesetzt sind …, ohne dass ein berechtigtes Interesse gerade für diese Form der Darstellung … vorliegt.“

Sat. 1 kann sich zu den Vorwürfen bis zum 8. Januar äußern. Entscheiden wird, wie schon im Fall „Super Nanny“, die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten. Dies dürfte wohl nicht vor Februar geschehen. Sollte sie zu dem Schluss kommen, dass in der Folge von „Lebensretter hautnah“ vom 2. November tatsächlich die Menschenwürde verletzt wird, wird sie eine öffentliche Beanstandung aussprechen. In einem solchen Fall müsste die beanstandete Folge aus der Pro-Sieben-Sat.-1-Mediathek Joyn entfernt werden. Auch deren Wiederholung im linearen Fernsehen wäre unzulässig. Womöglich würde es aber auch ausreichen, dass das Gesicht des verletzten Mannes nachträglich verpixelt wird.

Sat. 1 könnte nach einer Beanstandung durch die Kommission noch vor das Verwaltungsgericht ziehen. Eine Sendersprecherin will sich wegen des laufenden Verfahrens nicht zu den Vorwürfen äußern.

Die „Super Nanny“ wurde bereits 2011 von RTL eingestellt. Das muss nicht an der damaligen Beanstandung gelegen haben. Das Format mit der Pädagogin Katja Saalfrank war schon zuvor in die Kritik geraten. Eine auch nur ansatzweise ähnlich kritische Diskussion gibt es im Fall „Lebensretter hautnah“ bisher nicht.