Es ist ein Allgemeinplatz, dass das Internet voller Katzenbilder und -videos ist, aber das ist nur Teil der Wahrheit. Tatsächlich wimmelt es von Bildern und Videos von allen möglichen Tieren, kleinen wie großen, Filmchen mit jungen Elefanten, die verspätet hinter ihren Müttern hertraben, über Baumstämme hüpfen, in Wassergräben purzeln und von ihren Elefantentanten gerettet werden – aber auch an Fotoserien mit frechen Eichhörnchen und anmutigen Schnecken.

Ja, wirklich! Man traut den kleinen Kriechwesen wenig zu, aber es gibt im Internet eine Fotoserie zu bestaunen, in der sich Gehäuseschnecken zwischen Blättern, Pilzen und Wasser geradezu poetisch in Szene setzen. Oder wurden sie gesetzt? Da ruht der hintere Teil der Schnecke auf einer untergehenden Blüte, während sie mit ihrer Spitze einen rettenden Grashalm zu erreichen sucht ... Das sieht zunächst wunderschön aus, das Licht funkelt auf Schneckenleib und Wasser; aber je genauer man die Serie studiert, desto deutlicher wird, dass alles gestellt ist. Und nicht nur das: Die Schnecken wurden absichtlich in lebensbedrohende Situationen gebracht, um dann genau solche Verrenkungen anzustellen, die uns entzückte Seufzer entlocken.

Hühnerküken auf dem Fließband

Ist das nicht egal, wenn die Fotos gestellt sind, wenn ein wenig „nachgeholfen“ wurde? Der Reiz dieser Aufnahmen liegt doch genau darin, dass wir diese winzigen Schnecken einmal als eigene Akteure zu betrachten lernen! Der Perspektivwechsel von uns mächtigen Menschen hin zu diesen oft unbeachteten Tierchen macht das Besondere dieser Fotos aus. Doch dieses Besondere wird zunichte gemacht, wenn sich herausstellt, dass auch hier der große Mensch die kleinen Wesen nur so drapiert hat, wie sie ihm gefielen.

Drapierte Tiere freilich gibt es in diesen Internetvideos zuhauf. Ich mag gar nicht zählen, wie oft mir jenes niedliche Video von den Hühnerküken unterkam, die eifrig eine Art Fließband hoch wackelten − in einer Hotellobby, wie es scheint. Wo ist die Mama? Wie oft sollen die Kleinen da noch hinauflaufen? Was wird mit ihnen geschehen, wenn sie nicht mehr klein, gelb und flauschig sind? Ist eine Hotellobby mit Fließband eine geeignete Umgebung für kleine Vögel – oder werden diese nicht einfach nur als Deko missbraucht?

Da gab es auch ein Video mit malenden Elefanten. Sehr beeindruckend: Elefanten in einem südasiatischen Reservat bekamen von ihren Pflegern eine Leinwand gestellt, einen Pinsel und Farbe. Sie begannen zu malen: einen Elefanten, manchmal auch einen Baum, ungefähr im Stil eines Kindes im Grundschulalter. Meine Güte, denkt man da, auch Elefanten sind zu bildlichen Darstellungen in der Lage! Um genau diesen Eindruck zu erwecken, vermeintlich noch mehr „Respekt“ für Elefanten zu wecken, wurde das Video offenbar gedreht.

Spielende Ziegen – aber an einer Leine

Dann malen die Elefanten, als Letztes, eine Signatur auf ihre Leinwand, und wir verstehen: Auf diese Idee kamen sie nicht von alleine. Sie wurden dressiert. Mit dem ganzen Gemälde folgen auch sie, diese hochintelligenten, sozialen, aber unfreien Wesen den Anordnungen der sie trainierenden Menschen.

In anderen Sequenzen sehen wir Tiere, bei denen man nur bei flüchtigem Hinsehen, oder wenn man von ihrem natürlichen Leben wenig weiß, meinen könnte, sie seien glücklich. Spielende Ziegen – aber an einer Leine. Anrührende, mähende Lämmer in einem großen Stall − ohne Mütter. Tja, wozu werden denn Dutzende Lämmer von ihren Müttern separiert, was folgt wohl als Nächstes? − eine sich zärtlich an einen Menschenfinger schmiegende Eule: Auch sie hat an ihrem eine Fuß eine Kette.

Ein anderes beliebtes Video zeigt einen Hund mit einem Fisch, der japsend, erstickend am Ufer liegt. Der Hund versucht, mit seiner Schnauze, und was man halt als Hund so zur Verfügung hat, Wasser beizuschaffen und den Fisch zu benetzen. Mensch ist gerührt: Der Hund versucht zu helfen! Oder liegt ein Missverständnis vor ... versucht der Hund vielmehr, den als Beute betrachteten Fisch zu verbuddeln? Was der Hund nicht kann, hätte jedenfalls der Mensch gekonnt: verstehen, was der Fisch braucht, und es ihm geben. Lieber Hobbyfilmer, hol halt einen Eimer! Statt den vermeintlich mitfühlenden Hund zu filmen, beweise lieber dein eigenes Mitleid.