Eine Frau mit kurzen blonden Haaren streichelt einen neben ihr sitzenden Hund: So zeigt ein Foto im Deutschen Tierärzteblatt die Amtstierärztin Dr. Anya Rackow, die ihrem Leben ein Ende gesetzt hat. „Eine ebenso unermüdliche wie unerbittliche Streiterin hat ihren Kampf für die Rechte der Tiere aufgegeben. Im Gedenken und Vertrauen auf eine letzte Gerechtigkeit, welche Frau Dr. Rackow in diesem Leben versagt geblieben ist.“, heißt es in der Würdigung . Voller Respekt, aber auch ein bisschen rätselhaft.

Ähnlich schrieben später etliche ihrer im Tierschutz aktiven Kolleginnen in einer Annonce: „Für ihren unermüdlichen Kampf um die Rechte und das Wohl der Tiere gebührte Tierärztin Anya Rackow Dank, Anerkennung und politische Unterstützung. Sie erhielt jedoch Anfeindungen und Bedrohungen.“

Anfeindungen gegen Amtstierärztin

Welche Gerechtigkeit ist Anya Rackow versagt geblieben? Was für Anfeindungen erhielt sie? In Bad Mergentheim war Rackow Landesbeamtin für den Tierschutz; es gehörte zu ihren Pflichten, die Einhaltung der Tierschutzbestimmungen zu kontrollieren.

Das zuständige Landratsamt gab der Tauber Zeitung die allgemeine Auskunft, dass es für Amtstierärzte nicht leicht sei, tierschutzorientierte Regelungen in der Landwirtschaft durchzusetzen. „Die Mitarbeiter des amtlichen Tierschutzes arbeiten hier entlang einer schwierigen gesellschaftlichen Konfliktlinie. Hier kommen einerseits die Interessen der Landwirte zum Tragen, denen das Wohl ihrer Tiere in aller Regel wichtig ist, die aber zugleich auf einem hart umkämpften und gesetzlich stark regulierten Markt produzieren, Gewinne erzielen und ihre Betriebe für die Zukunft erhalten möchten. (…) Ganz allgemein ist es häufig nicht einfach, Tierhalter davon zu überzeugen, dass Änderungen an einer Tierhaltung vorgenommen werden müssen...“

Konkreteres ist nicht bekannt, und ich möchte nicht weiter darüber spekulieren. Aus den Äußerungen spricht tiefes Bedauern nicht allein über den Tod dieser Frau, sondern auch über die Anforderungen ihres Berufes, den viele Menschen ergreifen, um Tieren zu helfen. Doch nicht alles, was die Studierenden lernen, können sie später auch zum Wohl des Tieres einsetzen. Schon viele private Tierhalter haben ihren Starrsinn und denken an ihr Portemonnaie. Und dann erst die Orte, wo mit Tieren gewirtschaftet wird, wo das Tier nicht Freund ist, sondern Ware…

Ich hatte einmal eine Serie von Interviews mit Tierärzten geplant, die in Schlachthöfen arbeiten. Viele Tierärzte nämlich finden schließlich dort eine Anstellung und verbringen ihr Berufsleben damit, zu kontrollieren, ob Tiere ordnungsgemäß zu Tode kommen. Sie sehen dabei auch viele kranke und versehrte Tiere, denen es schon in den Ställen nicht gut ging, in deren letzten Stunden. Entweder als Angehörige des Veterinäramts oder als Angestellte des Schlachthofs sind sie zur Vertraulichkeit verpflichtet. Es war nicht schwer, welche zu finden, die anonym mit mir reden wollten – sie waren froh, endlich mal jemandem davon zu erzählen!

Schlachthof-Arbeit nicht gut für die Seele

„Ich muss mir bald etwas anderes suchen, es ist nicht gut für die Seele.“, erzählte mir eine Tierärztin, entschied sich aber zu bleiben – um der Tiere willen. Einer anderen wurde überraschend gekündigt: In zu starkem Kontrast stand ihr ständiges kritisches Nachfragen mit dem effizienten Ablauf des Schlachtbetriebs. „Wenn ich da bin, wissen die, die können die Tiere nicht einfach mit den Schaufeln schlagen“, sagte sie. „Die Arbeiter sind ja selbst überfordert, wissen nicht, wie sie die Tiere zur Schlachtstraße bewegen sollen. Und ich höre das gleich, sogar wenn ich woanders bin. An den Geräuschen merke ich, da ist was nicht in Ordnung, sofort renne ich da um die Ecke.“

Fehlbetäubungen, Rinder, die noch zappeln oder auf dem Boden um die eigene Achse kreiseln, trächtige Kühe und ihre zuckenden Föten, halb aufgesprengte Schädel, Bullen, die für das Schlachtinventar zu groß sind, Schweine, die die „Betäubungsgondel“ mit dem Kohlendioxid im Todeskampf zum Wackeln bringen…Ich habe die Interviewserie abgebrochen, schon vom Zuhören ging es mir so elend; irgendwann gestand ich es einer der Interviewten. Sie sagte: „Sie müssen sich nicht entschuldigen, ich kann das gut verstehen. Wir halten es ja selbst kaum aus.“