Die Orgel des John-Cage-Orgel-Projekts in der Halberstädter Burchardi Kirche.
Foto: AP Photo/Markus Schreiber

BerlinAm vergangenen Wochenende war Klangwechsel in Halberstadt. An der Orgel der dortigen Burchardi-Kirche wird seit 2001 ohne Unterlass das Werk „ORGAN2/ASLSP“ von John Cage gespielt, und zwar sehr langsam. Also wirklich langsam. Der Namensteil „ASLSP“ steht für as slow as possible, so langsam wie möglich, und in Halberstadt intoniert man das Stück, das bei der Uraufführung 1989 29 Minuten dauerte, auf einen Bogen von 639 Jahren hin.

Langsamkeit, würde ich denken, bemisst sich nach der geringsten Veränderungsgeschwindigkeit, die man noch als Bewegung wahrnehmen kann. Und da halte ich eine Interpretation, in deren bewegteren Momenten ein Klang sieben Monate gehalten wird, für so langsam wie eigentlich schon fast nicht mehr möglich. Vielleicht wird eine künstliche Intelligenz des Jahres 2640 die Klangdauer des ganzen Stückes wieder auf 29 Minuten konzentrieren oder auch auf 29 Millisekunden und so ein winziges Schwarzes Loch aus Cage-Klängen erzeugen, in dem zukünftige Musikhistoriker geistig spazieren gehen können, wer weiß.

In seinem heutigen Werden besehen, handelt es sich um ein Stück Kultur naturidentischen Ausmaßes. Musik wie ein Baum, der beim Wachsen auch immer gleich aussieht, oder wie ein Gestein, das im Laufe der Zeit vermoost, ein Boden, der bestellt wird, erodiert oder überwuchert, aber immer am gleichen Fleck Welt aufzufinden ist. Hätte jemand im Jahr 1381 mit gleicher Absicht angefangen, ein Orgelstück zu intonieren, das in den heutigen Tag hineinreichte – würde uns das über das Heilige Römische Reich und alles seither etwas erzählen? Mehr als die Bremer Kogge womöglich, die aus dieser Zeit stammt? Ein poetisches Werk schon als Gedanke also, allein in seiner Absicht tröstlich und – zumal die Komposition mithilfe eines Zufallsgenerators entstand – letztlich so etwas wie eine musikalische Gottesbehauptung: Ich bin, der ich sein werde.

Bis 2640 zumindest, aber das ist ja bereits dreimal so lange hin wie die Visionen der kühneren Physiker reichen. Der amerikanische Nobelpreisträger Robert Laughlin etwa ließ sich 2012 zu einem Vortrag über das Leben im Jahr 2200 hinreißen und prognostizierte darin, dass sich das Energieproblem dereinst nicht durch geringeren Verbrauch, sondern durch Ideen lösen werde. Denn des Menschen Tun, so offenbar die darunterliegende These, sei nicht durch Vernunft, sondern nur durch Lust zu steuern, und wenn die Menschheit Autofahren wolle, werde sie schon einen Weg finden, dies weiterhin zu tun. Was die derzeitige Entwicklung in diesem Sektor zumindest nicht widerlegt, auch wenn es noch zu früh sein mag, von echter Kreativität zu sprechen.

Der Wechsel im Halberstädter John-Cage-Klang übrigens ist aktuell durch zwei hinzugekommene Töne entstanden, ein gis und ein e. 17 Monate wird dieser Klang jetzt klingen, der nächste dann zwei Jahre. Es fehlt dem Projekt natürlich an Geld – die Krankenkassen sollten einspringen, finde ich, denn schon der bloße Gedanke an die Existenz der Unternehmung entschleunigt und beruhigt; der im digital vervielfachten Leben wohl unvermeidliche eigene Tinnitus erscheint geadelt als innerer Vorgriff auf ein leistungsfreies Sitzen und Lauschen in Halberstadt, das man sich in jedem Fall fest vornehmen sollte. Und ist die Fahrt dorthin in diesem Leben nicht mehr zu schaffen, wäre ja auch in einem nächsten oder übernächsten noch reichlich Zeit dafür.