Erwarten uns wieder goldene 20er-Jahre?
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BerlinDie Redaktion fragte, ob ich was über die 2010er-Jahre schreiben könnte. Was sich so verändert hat. Ich begann nachzudenken, horchte tief in mich und die Welt hinein und spürte schon bald süßes, warmes Selbstmitleid in meiner Seele aufsteigen. Was nicht daran lag, dass sich bei mir persönlich besonders viel verändert hätte. Ich habe immer noch die gleiche Handynummer, wohne immer noch in der gleichen Wohnung, mit der gleichen Frau und den gleichen Kindern. Ich esse immer noch das gleiche Krustenbrot vom Bäcker in der Bötzowstraße und mache immer noch die gleichen Witze.

Nein, es war etwas anderes, das mich ein wenig wehmütig werden ließ, und zwar der schlichte Umstand, dass diese blöden 10er-Jahre jetzt schon wieder vorbei sind. Genau wie vorher die Nullerjahre plötzlich vorbei waren, sich grußlos aus dem Staub machten wie eine beleidigte Patentante.

Die Ängste wachsen

Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie man fürchtete, die Computer könnten die große Zeitumstellung nicht vertragen, und die ganze Welt würde im Chaos versinken. Ich weiß noch, wie ich dachte, was für ein Glück es doch sei, so ein taufrisches Jahrtausend zu erleben. Und dann passierte erst mal gar nichts, die Zeit lief einfach weiter.

Bis im September 2001 die Türme in Manhattan zusammenfielen. Wir neigen ja dazu, die ferne Zeit aus Prinzip für die bessere zu halten; die Vergangenheit kommt uns traditionell kuscheliger vor als das, was wir gerade unsere Gegenwart nennen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends war dieses Gefühl vermutlich berechtigter denn je. Weil auf einmal etwas entstand, was ich bis dahin so nie wahrgenommen habe: eine weltumspannende Angst.

Und dieses Gefühl ging dann auch gar nicht wieder weg, wobei sich die Gründe ständig änderten. Zur Angst vor dem Terrorismus gesellte sich die Angst vor der Globalisierung, vor der Digitalisierung, vor dem Klimawandel.

Die Angst ist zu einem hysterischen Grundrauschen geworden, hat eine apokalyptische Endzeitstimmung erzeugt, unbändigen Hass geschürt, übertriebene Unsicherheit befördert, latente Aggressivität, kaum zu fassende Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und Männern mit seltsamen Frisuren.

Kommen nun die goldenen Jahre?

Ich muss zugeben, ich bin da jetzt selbst ein wenig apokalyptisch geworden, diese ganze Stimmung färbt echt ab. Aber ich will Sie, liebe Leser, zum Jahresende natürlich nicht in dieser schwarzen Gedankenwolke stehen lassen. Deshalb jetzt die gute Nachricht: In ein paar Tagen beginnen die 20er-Jahre. Sie erinnern sich, was man im letzten Jahrhundert über diese Dekade sagte? Genau, das waren die goldenen Jahre! Also bereiten sie sich darauf vor.

Wie? Zuallererst empfehle ich, sich mal locker zu machen. Prosecco trinken, mit der Katze Verstecken spielen, mit dem Ehepartner oder einer Person ihrer Wahl eine ungewöhnliche Sexualstellung ausprobieren und sich lustige Kosenamen für alle Menschen ausdenken, die Ihnen in den letzten sechs Monaten auf die Nerven gegangen sind.

Sind sie soweit? Dann kann im Grunde nichts mehr schiefgehen. Sorgen Sie in den nächsten Monaten dafür, dass immer ein Näschen im Hause ist, manchmal hilft schon eine Linie Bio-Weizenmehl. Aber bitte kein Vollkornmehl nehmen, das reizt die Schleimhäute. In diesem Sinne wünsche ich ein schönes, neues Jahr! Und immer eine Handbreit Glühwein unter dem Kiel!