Bei dem Wort Geschlechtsverkehr kann man an die Freude daran gar nicht mehr glauben. Das kommt wohl daher, dass das Wort „Verkehr“ fast nur noch im Zusammenhang mit dem verwendet wird, was Menschen mit und ohne Fortbewegungsmittel auf den Straßen miteinander anstellen. Der Straßenverkehr unterliegt strengen und eigentlich leicht verständlichen Regeln, mit denen man hofft, die explosiven Affekte der Teilnehmer unter Kontrolle halten zu können.

Wieso gehen diese Leute überhaupt so schnell hoch? Weil sie mit anderen Leuten, die sie nicht kennen, in Interessenskonflikte geraten. Das ist stets eine gute Gelegenheit für Übersprungshandlungen, bei denen man seinen unbewussten Groll auf näherstehende Personen herauslassen kann, ohne es sich mit ihnen zu verderben.

Es mag manchem schon helfen, wenn er weiß, dass er eigentlich gar nicht adressiert ist, sondern dass der pöbelnde Drängler ein unaufgearbeitetes Problem mit seiner dominanten Mutter hat oder dass die im Wendemanöver steckengebliebene Meckertante ihre Herrschsuchtallüren hyperventiliert, weil sie sie ganz dringend bis zum Feierabend des Gatten unter Kontrolle bringen muss. Ja, man verkehrt miteinander, aber meint einander eigentlich gar nicht.

Und während man selbst als die ausgeglichenste Person über die heimische Schwelle tritt und zur Verkehrsteilnahme schreitet, ahnt man schon, dass man, gerade weil man so ausgeglichen ist, wieder und wieder als Zielscheibe für derlei emotionale Entladungen wird herhalten müssen. Das mit auf den Weg genommene gewinnende Lächeln wird einem als arrogantes Grinsen ausgelegt. Kein Wunder, dass man seine naive Wohlgesonnenheit bald ablegt und gewappnet in den Ring tritt: Wenn ich die ganzen Knallköppe schon sehe! Sollen mal versuchen, ihre seelische Hygiene auf meine Kosten zu betreiben!

Krawall und Eskalation sind vorprogrammiert. Für Reflexion, gegebenenfalls eine Korrektur des eigenen Verhaltens oder gar eine Entschuldigung bleibt keine Zeit, denn der Verkehr muss fließen. Und dieweil der eigentliche Missetäter längst außer Hör- und Sichtweite gewichen ist, sucht man weiter nach einem nicht rechtzeitig gefundenen, möglichst gemeinen und verletzenden Schimpfwort (Knallkopp!), um es parat zu halten und bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit aus der Hüfte abzufeuern.

Ins Auto steigen mit dem Gedanken an das Liebesleben

Die begrifflich naheliegende Metaphorik will also zumindest in dieser einen Richtung nicht verlässlich hinhauen: Wer beim Sex an den Straßenverkehr denkt, wird wohl kaum zu einem besseren Liebhaber. Aber gespiegelt kann man die Verkehrsanalogie durchaus als mentale Übung nutzen. Vielleicht würden wir alle, die wir uns da ins Getümmel werfen, schneller vorankommen, wenn wir eher in solcher Weise an die Sache herangingen wie an die Freuden der körperlichen Liebe?

Wir müssen dabei nicht explizit werden, es geht nur um die innere Haltung. Unabdingbar für ein erfüllendes Liebesleben ist die Zuwendung zum Verkehrspartner, schließlich vollzieht man, was auch immer man vollzieht, in beiderseitigem Einverständnis. Das heißt, man eicht sein Sensorium auf die zarten Signale des anderen, versetzt sich in seine Situation, errät Wünsche und Wollen, gibt diskrete Winke, was das eigene Wünschen und Wollen angeht. Man kommuniziert meist ohne Worte, stellt anheim, nimmt die eine Idee begierig auf, wehrt eine andere einfühlsam ab, bleibt dabei stets wohlwollend und erfreut sich einer gewissen gegenseitigen Gefügigkeit. Über das Spiel mit der Geschwindigkeit muss indes kein weiteres Wort verloren werden.