Viele Geschichten fangen in diesen Tagen mit „Damals, vor 30 Jahren ...“ an. Ich finde das gut, denn diese 30 Jahre sind prägend für das ganze Deutschland, auch für die Wessis. Nach einer langen Zeit des Desinteresses ist jetzt langsam auch dem Westen klar, wie wichtig die Vereinigung war und ist. Nicht nur wegen der AfD mit ihrer absurden Kampagne, dass sie die Erben der Wende sei. Das ist sie nicht, nicht in ihren Absichten, nicht in ihrem Wesen. Ein freies Land mit offenen Grenzen, das wollte sie nie.

Am 7. Oktober 1989 hatte ein guter Freund Geburtstag. Die Stimmung dieser Tage war, als könnte jederzeit etwas passieren. Aufregend, angespannt. Viele Leute gingen jeden Tag in die Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg. Ich war auch oft dort. Es gab Friedensgebete, Plakate hingen an der Kirche und drinnen trafen sich diejenigen, die endlich einen Aufbruch wollten.

An einem Board, wie man heute sagen würde, hingen haufenweise Nachrichten, Einladungen, Informationen. Jeder konnte etwas posten, oder die Message lesen, die interessierte – es war das soziale Netzwerk jener Zeit. Ich hatte dort meine Einladung zur Arbeitsgruppe „Ausländerfragen und Rassismus“ angepinnt. Rund um die Kirche war ein Zauber, die Leute redeten über ihre Erfahrungen und wie es weitergehen solle.

Abend des 7. Oktober sollte anders enden 

Das erste Mal so öffentlich, wie unter Freunden, die sich noch nicht kennen. Abends lagen Blumen vor der Kirche und die Kerzen machten ein warmes Licht. Immer, wenn eine U-Bahn auf der Trasse vorbeifuhr, gaben die Fahrer ein langes, trötendes Signal. Es war ein Gruß an die Menschen vor der Kirche.

Dieses Tröten hat mich immer besonders berührt. Diese Opposition dort hatte ganz offensichtlich keine völkischen oder nationalistischen Ziele. Ganz im Gegenteil.

Es war jene Art von Menschen, die bis heute von Nazis gehasst werden, weil sie Menschenrechte wollten und nicht irgendwas Deutsches. Darum ging es nicht. Und alle teilten dies, auch die U-Bahnfahrer und andere, die im Vorbeifahren solidarisch hupten.

Der Abend des 7. Oktober sollte anders enden als die Abende zuvor. Bei der Geburtstagsfeier sprachen wir darüber, dass die friedliche Stimmung auch mit Gewalt beendet werden könnte. Eine der Freundinnen öffnete das Fenster und schrie ihren Frust über das DDR-Regime hinaus. Einfach so. Laut und ordinär. Das kam zwar unerwartet, aber es hatte etwas sehr Befreiendes für uns alle.

Für ein freies Land mit offenen Grenzen 

Mein Rückweg nach Hause führte an der Kirche vorbei. Ich wollte schnell noch mal hineingehen, doch die Straße war gesperrt. Überall standen Polizeiwagen, Rufe kamen aus Richtung der Kirche. Viele Leute wurden verhaftet. Passanten erzählten, dass die meisten in die Kirche gelaufen und dort nun hoffentlich sicher waren. Der Abend endete für die Opposition mit einem Schlag ins Gesicht, es sollte nicht der letzte sein. Doch die Stimmung ließ sich nicht mehr aufhalten.

Einen Monat und viele Demonstrationen später war die Mauer weg. Diesen Geist vom Abend des 7. Oktober will ich in Erinnerung behalten. Denn er ist genau das, was heute besonders gebraucht wird. Ein freies Land mit offenen Grenzen. Für die Hoffnung, gegen die Angst. Und ihr, liebe Wessis, was habt ihr am 7. Oktober so gemacht?