Wie wir es auch drehen, die Menschen in der Renaissance waren nicht wie wir – Raffaels Fresko „Die Schule von Athen“ (1510/11).
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BerlinMit historisch Zurückliegendem tun sich viele schwer. Alles muss aktuell sein, sonst zählt es nicht. Das Unbekannte wird eingemeindet, damit es zu uns passt. Geschichtlich Ent­ferntes sorgt für Unbehagen, obwohl man in Sonntagsreden gern den Reichtum vergan­gener Zeiten und Kulturen beschwört.

Vor einigen Jahren begann ein renommierter Schulbuchverlag, die Texte der Literatur­klassiker in aktuellen Ausgaben an das Deutsch unserer Tage anzupassen. Im Theater erleben wir Medea und Hamlet, Faust und Cleopatra als Zeitgenossen. Sie tragen unsere Kleidung und sprechen unsere Sprache. Der Ehrgeiz von Regie und Dramaturgie besteht darin, die Unterschiede einzuebnen, die sie vom Heute trennen. Nur als Brüder und Schwestern aus dem 21. Jahrhundert haben sie das Recht, sich auf der Bühne zu zeigen.

Ähnlich verhält es sich bei der Kino-Adaption historischer Romane. Anna Seghers „Transit“ (1944) oder jüngst „Berlin Alexanderplatz“ (1929) wurden als zeitgenössische Stoffe auf die Lein­wand gebracht. Zweifellos haben Christian Petzold und Burhan Qurbani sehenswerte Filme geschaffen, die selbstbestimmt mit ihren Vorlagen umgehen dürfen. Aber es stellt sich die Frage, warum man geschichtliche Sujets über­haupt braucht, wenn man nur demonstrieren will, dass damals alles so war wie heute.

Die Menschen der Antike, des Mittelalters und der Renaissance lebten, dachten und fühl­ten anders als wir. Sie folgten nicht nur abweichenden Weltbildern, sondern existierten auch in anderen Empfindungs- und Wahrnehmungskulturen. Selbst die fiktionalen Geschichten der Literatur, die Reize der Musik und die ästhetischen Entwürfe der bildenden Kunst waren den meisten von ihnen fremd. Enge familiäre Gemeinschaften bestimmten ihren Alltag, und entfernte Länder oder Kontinente konnten sie über unmittelbare Reiseerfahrungen noch nicht erschließen.

Historische Erkenntnis muss zunächst bei den Unterschieden ansetzen, die das Leben der Vergangenheit vom Heute trennt. Sie ist gerade keine Geschichtsphilosophie, wie sie sich im 18. Jahrhundert etablierte, denn sie möchte aus dem Vergangenen weder Prognosen noch Therapeutika für die Gegenwart ableiten. Ihr Ziel ist es, sich an den Unterschieden abzuarbeiten, die unsere aktuelle Lage vom Gestern trennt.

Heute leben wir im Zeitalter des Posthistoire, der Nach-Geschichte. Auch das Vergan­gene soll uns gleichen, und wo es uns nicht gleicht, wollen wir nichts davon wissen. Das gilt insbesondere für jene „Kultur des Löschens“ (Cancel Culture), die Zeugnisse der Vergangenheit aus dem Kollektivgedächtnis tilgen will, wenn sie unser heutiges Em­pfinden verletzen. Diese Form geschichtlicher Zensur führt gründlich in die Irre. Denn unser zukünftiges Leben können wir nur dann bestmöglich gestalten, wenn wir, wie es der Philosoph Odo Marquard formuliert hat, unsere Herkunft kennen.

„Es gibt Menschen in der Zukunft, die die Vergangenheit zerstören wollen“, heißt es in Christopher Nolans aktuellem Film „Tenet“. Wirklich zerstört wird die Vergangenheit aber durch eine Gegenwart, die sie am liebsten auslöschen möchte. Wir brauchen wieder mehr Mut, das Andere, das Fremde historisch entlegener Zeiten auszuhalten. Das gilt übrigens auch für die Wissenschaft, die ihre eigene Geschichte kennen muss, um ihre heutigen Aufgaben verantwortungsvoll zu erfüllen.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.