Berlin - Toren und gescheite Leute, so heißt es in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“, seien „unschädlich“. „Nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die Gefährlichsten.“ Das Risiko, dass jemand heute über Halbbildung verfügt, ist sicher größer als vor 200 Jahren. Denn jeder kann ohne Schwierigkeiten Informationen über alles Mögliche sammeln, ohne diese wirklich zu verarbeiten.

Unser Wissen vermehrt sich rasant. Die Vormoderne verfügte noch über begrenzte Wissensbestände mit geringer Entwicklungsdynamik. Die Kenntnisse der Menschen stammten aus einer überschaubaren Zahl gelehrter Bücher, die Generationen überliefert hatten. Die Kirche setzte die Regeln dessen fest, was man über Natur und Mensch, über Himmel und Erde wissen durfte. Seit die europäische Aufklärung die Kontrollrechte der Theologen in Frage gestellt hat, wächst die Menge des Wissens stetig.

Befördert wird dieses Wachstum heute durch die Expansion einer globalen Forschung und immer höher werdende Publikationsquoten. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen verdoppelt.

China steigerte seine diesbezügliche Rate sogar überproportional und liegt heute mit 457.000 Artikeln pro Jahr an der Weltspitze. Viele Fachdisziplinen publizieren bereits über die Hälfte ihrer Texte digital und ermöglichen damit auch Nicht-Spezialisten den freien Zugang zu ihren Arbeiten.

Halbbildung: Kritisch bewerten, was einem vorgesetzt wird 

Im digitalen Zeitalter ist Wissen anders zu definieren als früher. Nicht mehr der Zugriff auf Wissensressourcen wäre das Ziel, sondern die Bewertung und der Vergleich ihrer Inhalte. Es geht um Instrumente der Ordnungsstiftung, die es erlauben, in der Flut des weltweit zugänglichen Wissens Orientierung zu schaffen, Abgrenzungen vorzunehmen und Hierarchien herzustellen. Der Begriff der Bildung ist daher anders als früher zu definieren. Selbstständiges Nachdenken über Wissensquellen und ein sicheres Urteil kennzeichnen das, worauf es ankommt. In diesem Sinne bedeutet Bildung vor allem die Fertigkeit zur Auswahl von Informationen auf der Grundlage qualifizierter Unterscheidungen.

Solides Wissen muss man sich erarbeiten, indem man Fakten durchleuchtet und mehrere Quellen heranzieht. Dafür ist kein Spezialistentum erforderlich, sondern Neugierde, verbunden mit Vorbehalten gegenüber allzu einfachen Erklärungen. Im Grunde geht es also um eine wissenschaftliche Haltung, die uns in die Lage versetzt, Informationen zu prüfen und auf ihre Seriosität zu testen.

Dazu benötigt man Geduld, Ausdauer und eine gewisse Skepsis. Heute sind wir alle „Halbgebildete“, denn wir wissen von immer mehr Dingen immer weniger.

Damit dieser Zustand nicht zur Gefahr wird, bedarf es einer kritischen Urteilsfähigkeit. Kant hat vom Menschen verlangt, er solle mutig sein und seinen Verstand nutzen.

Die Aufklärung nennt das geistige Vorgehen, das Sachverhalte vorsichtig prüft und vergleicht, eine Form der Kritik. Nur wer kritisch bewertet, was ihm vorgesetzt wird, entgeht der Gefahr der Halbbildung. Er vermeidet das Risiko, von anderen für deren Interessen missbraucht zu werden. Es geht um Urteilsvermögen und Distanz. Diese Haltungen benötigen wir alle. Gleichgültig, ob wir Wissenschaft betreiben oder uns als Laien für deren Ergebnisse interessieren.