Staatsfrauen und -männer, die in die Geschichte eingehen wollen, brauchen vor allem eines: eine Krise. Eine richtige, handfeste, vor allem aber meisterbare Krise, in der sie glänzen können. Ersatzweise tut es auch eine Katastrophe. Sie muss allerdings ein medienwirksames Ausmaß erreichen.

Eine Überflutung von Land, besser aber noch Stadt, weil es dann mehr Menschen mitbekommen; Brände sind auch nicht schlecht, Orkane haben das Zeug für einen echten Aufschlag, sind aber nur von kurzer Dauer, was geringere Zeit auf den Screens bedeutet und damit auch weniger Zeit zum Glänzen. Jede Sekunde ist kostbar, in der man unter Beweis stellen kann, dass man die Krise nicht nur managen, sondern auch die Dinge zum Besseren wenden kann.

Helmut Schmidt etwa war nur ein weiterer Innensenator in der langen Geschichte der Hansestadt Hamburg, als ihn eine der Jahrhundertfluten die Chance zur Bewährung bot. Als Sozi in Gestalt eines schneidigen Leutnants machte er sich zum „Herrn der Flut“ (Spiegel), setzte sich an die Spitze aller Krisenstäbe und vermarktete seine Rolle.

Politiker brauchen Krisen: Gerhard Schröder bekam durch Gummistiefel eine zweite Kanzlerschaft 

Kein Wunder, dass er später Willy Brandt an der Spitze der Bundesrepublik ablöste. Brandt hatte vielleicht den Friedensnobelpreis gewonnen, aber die Rettung einer Stadt vor dem Absaufen fand sich nicht in seinem Portfolio. Fluten scheinen sowieso eine Spezialität der Sozis zu sein. Gerhard Schröder bekam dank eines Gummistiefel-Einsatzes an der Elbe eine zweite Amtszeit als Kanzler geschenkt und Matthias Platzeck hätte als „Deichgraf“ (Märkische Allgemeine, RBB, Spiegel) erster Kanzler aus Ostdeutschland werden können nach der ersten Kanzlerin.

Die wiederum hatte das Pech, mit der Flüchtlingskrise eine Aufgabe gestellt zu bekommen, die erst in Jahrzehnten gewürdigt werden kann, was auf ein anderes Merkmal der optimalen Fit-für-die-Geschichte-Krise hinweist: sie muss schnell und positiv abgeschlossen werden können, jedenfalls für die Öffentlichkeit und bis zur nächsten Wahl.

Dumm ist hingegen, wenn man zwar Politiker ist, sich aber noch keine Krise bot, in der man zur wahren Größe aufsteigen konnte. Bisher schob einen die Geschichte dann in einer Art und Weise auf das Abstellgleis, die nachfolgende Generationen darüber rätseln ließ, wie das Gesicht auf dem Bild in der Ahnengalerie gleich noch hieß.

Boris Johnson verursachte seine Krise einfach selbst 

Nun aber gibt es eine Lösung für diese hoffnungslosen Fälle. Sie heißt Boris Johnson und beruht auf einem Prinzip, dass man als „Phoenix aus der eigenen Brandstiftung“ bezeichnen kann. Der britische Premier hat nicht abgewartet, bis sich eine Krise bot, sondern sie in der Erwartung historischer Bedeutung selbst verursacht. Er übersieht nicht das Chaos, das auf sein Land nach dem Brexit wartet, er sehnt es sich herbei.

Wenn erst die Lieferketten zusammenbrechen, die Medikamente knapp werden und das Pfund auf Talfahrt geht, bieten sich jede Menge Möglichkeiten, Krisenstäbe einzurichten, Notmaßnahmen zu ergreifen und Pressekonferenzen zu geben. Churchill hatte Dünkirchen, Johnson bekommt Lkw-Staus am Kanal-Tunnel. Außerdem wird er als „Drama-King“ in die Geschichte eingehen und mit Sicherheit Nachfolger finden in zukünftige Generationen geltungsbedürftiger Persönlichkeiten.

Die gute Nachricht aber im laufenden Jahr der frohen Kolumne lautet: es gibt immer etwas Neues auf der Welt. Ob es auch funktioniert ist eine andere Frage.