Von der Schaukel aus konnte das Kind das Lager sehen, die Gefangenen schufteten nur wenige Meter entfernt vom Haus des Kommandanten. Auch die Schaukel hatten Inhaftierte gezimmert. Ein halbes Jahrhundert später schwingt der hölzerne Korb morsch im Wind des ostsibirischen Tieflands. Ein Menetekel in der erhabenen Ödnis ebenso wie die Ziegelhaufen, die von den Lager-Baracken übrig geblieben sind.

Das Bild der Schaukel war es, das den 1970 geborenen polnischen Regisseur Stanislaw Mucha in die Kolyma-Region geführt hat. Hierhin, ins Zentrum des sowjetischen Straflagersystems, war Muchas Großvater Anfang der 50er-Jahre aus Polen verschleppt worden. Er überlebte im Chaos nach Stalins Tod, dem Enkel erzählte er von der Schaukel, die er für das Kind des Kommandanten gebaut hatte.

Damit legte der Großvater einen Keim in Muchas Fantasie. Eine persönliche Spurensuche aber folgte nicht daraus. Mucha ist an Menschen interessiert, nicht an der Ausbreitung eigener Familiengeschichten, in der vor allem der Erzähler selbst einen Schlüssel für sein Leben sucht. Mucha hingegen ist ein extrovertierter Regisseur, einer der offen vor Menschen tritt, ohne Urteil und Vorbehalt. Aber er scheint ein Auswahlkriterium zu haben: Keiner seiner Protagonisten erfüllt Erwartungen. Mit den Codes westlich geprägter Selbstdarstellung sind sie nicht vertraut.

Der Regisseur konserviert das Lachen

Ignoranten halten Muchas Filme deshalb für „Freakshows“, sie finden alles „skurril“, ein Verlegenheitsadjektiv, das immer dann verwendet wird, wenn man etwas nicht genauer betrachten will. Weil diese Typen da unverständlich sind in ihrer Mischung aus Pathos und Selbstironie, unschön in ihren Gerümpel-Buden, unverschämt in ihrer frechen Vitalität bei offensichtlicher materieller Armut. Vielleicht ist es das, was Muchas Filme provokant macht.

Da jammert ein Regisseur nicht mit seinen Mitspielern, nein, er konserviert ihr helles Lachen, ihre Wutausbrüche, ihre unverblümten Geständnisse, ihre Alltagsroutine, ihre Weisheit und ihr heiliges Narrentum.

In Muchas frühem Dokumentarfilm „Absolut Warhola“ erzählen die Nachfahren Andy Warhols in einem slowakischen Karpatenkaff, mit den Bildern, die der berühmte Onkel aus USA geschickt hätte, hätten die Kinder gebastelt. In „Tristia“, Muchas Schwarzmeer-Umrundung auf den Spuren des Dichters Ovid, verkaufen fliegende Händler riesige Botoxspritzen am Strand. Und in „Kolyma“ experimentiert ein Selfmade-Wissenschaftler mit Versuchen am lebenden Objekt, auch an seinem blinden Vater, den er stundenlang unter Strom setzt, „um die Stammzellen zum Wachsen anzuregen“.

Wie viel Vergangenheit kann man zulassen ?

Muchas „Kolyma“ -Welt ist eine sehr heutige, Archivmaterial montiert er nicht ein, wohl aber ragt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Und diese Vergangenheit wird in der Kolyma-Region kaum institutionalisiert in Erinnerung gebracht, sie wird ignoriert, beschwiegen oder beschönigt. Unter dem Asphalt liegen die Toten. Im Kulturhaus singen Mädchen in grellbunten Kunststoffkleidern von der Liebe zu Russland.

Doch wie viel Vergangenheit kann man zulassen, um weiterleben zu können? Und wann wird die Erinnerung zur „billigen Sentimentalität“, wie es ein Schamane in „Kolyma“ sagt? Mucha sucht das Leben, die Gegenwart, blendet aber das Gewesene nicht frivol aus. Seine Methode ähnelt jener der Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch, die ihrer großen Stimmenkollage „Secondhand-Zeit“ den Untertitel „Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ gegeben hat. Die Trümmer sind in „Kolyma“ ganz konkret – es sind menschliche Knochen.

Der Kern seiner Kunst

Entlang der Trasse, die von Gulag-Häftlingen gebaut wurde, sind vermutlich Hunderttausende Menschen gestorben. „Ihr fahrt über einen Friedhof“, sagt ein alter Mann in die Kamera. Ein anderer zeigt die Terrassen aus Erdreich, in denen die Toten in langen Reihen beerdigt wurden. Eine junge Imbissverkäuferin hingegen sagt, sie wisse nichts von Gulag, das Wort kenne sie nicht. „Meinen Sie Gulasch?“ Mucha fächert auf der 2000 Kilometer langen Reise zwischen Magadan und Jakutsk das ganze Spektrum zwischen Unkenntnis, Verdrängung und Bitterkeit auf.

Denn auch das gibt es – ein klares Bewusstsein darüber, missbraucht worden zu sein, in Sklavenarbeit verschlissen, in Kriege gehetzt worden zu sein – und doch sind diese Überlebenden oft auch Täter. Einer zeigt mit einer Handbewegung, wie er mit einem Messerstich gezielt die Leber seiner Gegner zum Platzen gebracht hat. Diese Ambivalenz auszuhalten und sie den Zuschauern zuzumuten, ist der Kern von Muchas Kunst.

Kolyma – Die Straße der Knochen Deutschland 2018. Regie: Stanislaw Mucha. Dokumentarfilm.