BerlinDas Erfolgsgeheimnis seines Humors bestand zu nicht geringem Teil darin, dass er hart an der Grenze zur Frechheit operierte. Als der 1941 im ostfriesischen Emden geborene Blödelbarde und Entertainer Karl Dall Mitte der 80er-Jahre beim Privatsender RTL eine eigene Show erhielt, die mit dem Titel „Dall-As“ als Anspielung auf die US-Serie „Dallas“ seinen Namen trug, bestand das Konzept vor allem darin, die Gäste herauszufordern. 

Bei keinem gelang das so gut wie bei dem Schlagersänger Roland Kaiser, zu dem Dall kurz angebunden sagte: „Na, sing schon mal, damit wir es hinter uns haben.“ Der Angesprochene fand das weniger lustig und verließ wutschnaubend das Studio. Dabei hätte er wissen müssen, auf was er sich bei einem Besuch in Dalls Sendung einließ. Launige Witze und einstudierte Zoten waren dessen Sache nicht. Er war ein komödiantischer Grenzgänger, dem es stets auch darum ging, aus dem für Witz und Unterhaltung vorgesehenen Bühnenraum auszubrechen. Als Sohn eines Schuldirektors und einer Lehrerin hatte er wohl auch sehr früh gelernt, Autoritäten einerseits herauszufordern, aber diese immer wieder auch mit einem besonderen Charme zurückzuerobern.

Rebellion war angesagt

Zunächst einmal aber war Rebellion angesagt. Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung gründete Karl Dall zusammen mit Jürgen Barz, Peter Ehlebracht und Ingo Insterburg das Liedermacher-Quartett Insterburg & Co., das als künstlerische Agitproptruppe auftrat und sich durch unangepasste Liedkreationen schnell ein Publikum im linken Milieu erschloss, aber bald darüber hinaus allgemeine Berühmtheit erlangte. Insterburg & Co. knüpften an die Humortradition eines Heinz Erhardt an, trugen den nicht selten sinnfreien Schalk aus der Welt der Anzugträger auch in die Wohngemeinschaften der Hippies.

Als die Bandkollegen zu Beginn der 70er-Jahre befanden, dass nun „Schluss mit lustig“ sei, legte Karl Dall erst richtig los. Zu seiner steilen Solokarriere als Fernseh-Komödiant trug gewiss auch seine äußere Erscheinung bei. Das hängende Augenlid, das auf eine angeborene Muskelschwäche zurückging, wurde zu einem Markenzeichen mit hohem Wiedererkennungswert. Obwohl das Auge meist unbewegt blieb, trat Karl Dall stets mit einem Augenzwinkern in Erscheinung, bei dem ihm die meisten nicht böse sein konnten, selbst wenn er sie gerade beschimpft oder beleidigt hatte. Dall trat in Fernsehshows wie „Versteh’n Sie Spaß“ auf, eine weitere eigene Sendung hieß „Jux und Dallerei“, und später war er in skurrilen Show-Formaten wie „Koffer-Hoffer“ zu sehen, wo dem Gewinner als Preis der von außen nicht zu erkennende Inhalt eines Koffers winkte.

Wenn Karl Dall vor ein Live-Publikum trat, hatte er die Lacher schnell auf seiner Seite, sein vordergründiges Blödel-Talent schien seine künstlerische Vielseitigkeit aber fast ein wenig zu verdecken. Mit dem als Pop-Parodie angelegten Stück „Diese Scheibe wird ein Hit“ machte er 1975 die im Titel anklingende Prognose wahr. In dem Stück geht es um die allzu leichte Korrumpierbarkeit des Massengeschmacks durch einfache Effekte.

Der chaotisch-genialische Spaßmacher Karl Dall war nicht gerade ein Teamplayer. Die von dem niederländischen Kollegen Rudi Carrell ins Leben gerufene RTL-Show „7 Tage, 7 Köpfe“ verließ Dall nach einiger Zeit wieder, weil Carrell, der die Sendung akribisch plante, wenig mit den spontanen Einfällen Dalls anfangen konnte. Vor sechs Jahren traf Karl Dall der Ernst des Lebens energischer, als ihm lieb sein konnte. Gegen ihn wurde der Vorwurf der Vergewaltigung erhoben. Dall bestritt die Anschuldigungen einer wegen Stalking vorbestraften Journalistin und wurde schließlich freigesprochen. Vor wenigen Tagen hatte Karl Dall einen Schlaganfall erlitten, an dessen Folgen er nun im Alter von 79 Jahren in Hamburg gestorben ist.

„Trotz Einsatz aller technologischen und intensivmedizinischen Maßnahmen ist er heute friedlich eingeschlafen, ohne vorher noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Er hinterlässt eine Ehefrau, Tochter und Enkelin“, hieß es in dem Schreiben der Familie. „Er war nicht nur ein beliebter Komiker und Entertainer, sondern vor allem ein außergewöhnlich liebenswerter und netter Mensch.“